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Ein Herz für aussortierte Kleider

Eva Waldmann zerbricht sich leidenschaftlich gerne den Kopf darüber, wie ausgediente Kleidungsstücke neu inszeniert werden können ohne dabei umweltbelastende Spuren zu hinterlassen. Ihr eher scheues Wesen hindert sie nicht daran, den globalen textilen Wahnsinn mit revolutionären Ideen aufzumischen.

Evas Label nennt sich „prêt-à-reporter“, ein Wortspiel aus gutem Grund: Denn ihre Kreationen sind nicht allein dazu bereit sofort angezogen zu werden, sondern sind auch bereit zum wiederholten Mal getragen zu werden. Es handelt sich um individuelle Stücke, gefertigt aus alten, aussortierten Kleidungsstücken, vorwiegend aus Hosen und Hemden. Man sieht ihnen ihre Ursprünglichkeit an: ein Hosenbund bildet den neuen Saum eines Kleides und aus den Ärmeln eines Hemdes entsteht ein Jupe.

Was einfach klingt, setzt eine ausgeprägte Vorstellungsgabe, Experimentierfreude und eine gute Portion Unkonventionalität voraus. Eva scheint mit all diesen Tugenden gesegnet zu sein. Doch eine Sache fällt ihr schwer: sich mit ihren Kleidungsstücken zu exponieren, um die passenden Käufer und Käuferinnen zu finden. Dieses Matching gestaltet sich nämlich nicht so einfach. Ihre extravaganten Einzelstücke sind für sprichwörtliche Nadeln im Heuhaufen gemacht. Und diese muss man bekanntlich erst einmal aufspüren, man stolpert nicht einfach so über sie.

Trotz dieser Herausforderung liebt Eva ihre Arbeit: „Ich freue mich, wenn mir ein neues Stück gelungen ist und wenn die meisten Teile des ursprünglichen Kleidungsstücks im neuen Kontext wiederverwendet werden können. Die Arbeit mit ,Eh-da-Kleidern‘, die zudem eine Geschichte haben, fasziniert mich. Dem Vorhandenen mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen, und schöne Details, die jemand vor mir gemacht hat, zu erhalten und neu in Szene zu setzen, finde ich toll!“

 

Die Textilindustrie ist „nach der Ölindustrie die Dreckigste der Welt“, gibt Eva zu bedenken. „Von der Faserherstellung über die Produktion der Kleidungsstücke bis hin zur gesamten Logistik rund um den Erdball herrschen schreckliche Arbeitsbedingungen vor und die Löhne sind miserabel. Den Preis für diesen Wahnsinn, immer mehr und immer günstigere Kleider anzubieten, zahlen die Arbeiterinnen und die Umwelt.“

Diesem Treiben stellt sich Eva bewusst entgegen. In ihren Kleidungsstücken stecken viele Stunden Handarbeit. Natürlich schlägt sich das auf den Preis nieder und manche fragen sich vielleicht, warum sie so viel bezahlen sollen, wenn es ja im Grunde alte Kleider sind. Eva hofft, dass sie mit ihrer Arbeit einen Denkprozess anregt. „Es ist unmöglich, für nur fünf Franken ein T-Shirt sozialverträglich und ökologisch herzustellen“, das sollten die Menschen ihrer Meinung nach verstehen lernen.

Am Anfang war das Weben

Als junge Frau wählte Eva zunächst einen anderen, exotischen Erstberuf mit nur einer Lehrstelle im Raum Zürich. Sie erlernte das Handwerk der Handweberin an der damaligen Heimatwerkschule in Richterswil (heute: Ballenberg). Ihre Berufsbildnerin ermutigte Eva stets Neues auszuprobieren. Die Liebe zum Handwerk und der Mut, scheinbar Unmögliches anzupacken, sind ihr aus dieser Zeit geblieben.

Später absolvierte Eva eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin. Offene Stellen in diesem Beruf waren rar. Die Psychiatrie kam wegen der Arbeitszeiten und ihren Aufgaben als junge Mutter nicht in Frage. So begann sie schliesslich auf der Palliativabteilung in einem Spital zu arbeiten. Nicht zuletzt deshalb, weil sie sich zuvor in der Pflege ihrer Eltern engagiert hatte.

Als Vorstandsmitglied half sie mit, die Regionalsektion Zürich von ‚palliativ.ch‘ aufzubauen. Später übernahm sie die Geschäftsleitung von Palliativ Zürich und Schaffhausen. Sie organisierte Fachveranstaltungen und hielt Vorträge, um die Anliegen und Aufgaben von Palliativ Care bekannt zu machen und die Fachleute untereinander zu vernetzen.

Pallium, der Mantel

2003 konzipierte sie eine vielbeachtete Ausstellung mit dem Titel „Palliative Care – leben bis zuletzt“. Da Pallium Mantel heisst, schuf sie für diese Ausstellung sieben Mäntel, um bildhaft darzustellen, was Palliative Care den Betroffenen anzubieten hat. Ein Mantel mit dem Titel „Das Sterben gehört zum Leben“ war aus Gras gefertigt und verdorrte bis zum Ende der Ausstellung.

Besucher äusserten den Wunsch nach einem Buch zur Ausstellung. Zusammen mit zwei Palliativ-Fachfrauen realisierte sie das Buch mit dem Titel „Den letzten Mantel mach ich selbst“. Damit nahm sie noch einmal das Mantelthema auf. Doch bis das Nähen von Mänteln und anderen Kleidungsstücken zu Evas Lebensinhalt wurde, dauerte es noch eine Weile.

Durch ihr berufliches Netzwerk eröffnete sich Eva die Möglichkeit, die Leitung des Programms „Palliative Care und onkologische Rehabilitation“ bei der Krebsliga Schweiz zu übernehmen. Einerseits faszinierte sie die abwechslungsreiche Projektarbeit und die Zusammenarbeit im Team. Andererseits realisierte sie bald, dass ihr diese Arbeit zu weit weg von den betroffenen Menschen war.

Ein gewagter Schritt

„Eigentlich“, bemerkt Eva rückblickend, „war ich total blauäugig, als ich meine Stelle in Bern kündigte und zurück nach Zürich ging.“ Sie wusste einzig, dass sie wieder gestalterisch tätig sein und „etwas mit alten Kleidern machen“ wollte.

Trotz ihrem ehemaligen beruflichen Netzwerk fand sie keine neue Stelle. So wagte Eva den Schritt in die Selbständigkeit. Sie mietete sich in einem Gemeinschaftsatelier an der Goldbrunnenstrasse ein und organisierte eine Kleidersammlung. Die Leute fanden das toll und überhäuften sie mit allen Arten von Kleidern.

Dieser Kleiderberg war eine grosse Herausforderung. Jedes Stück war ein neuer Prototyp ohne direktes Gegenüber, dem das Kleid auf den Leib zu schneidern wäre. So beschloss sie, sich vorerst nur auf Hosen und Hemden zu fokussieren. Diese Beschränkung öffnete ihr den Raum für immer mehr Ideen. Eva zerlegte Hosen und Hemden in die einzelnen Bestandteile und tüftelte, wie diese Teile frisch zusammengesetzt und zu neuen Kleidungsstücken umfunktioniert werden können. Im Laufe der Zeit sind verschiedene Modelle entstanden, die sie in unterschiedlichen Grössen herstellt. Auch wenn das Prinzip für ein Modell immer gleich funktioniert, gibt es doch bei jedem Stück kleine und grössere Überraschungen, weil jede Hose oder jedes Hemd ein bisschen anders ist und nach einer einzigartigen Lösung ruft.

Das Upcycling-Handwerk ist zeitaufwändig, auch weil Eva sich um eine sorgfältige Verarbeitung und schöne technische Lösungen bemüht. Durch das „Umschneidern“ sollen die Kleider aufgewertet und gewissermassen veredelt werden.

Neuer Standort und mutig in die Zukunft

Unterdessen wird das Gebäude abgerissen, in dem sich Evas Atelier befand. Bevor sie im April 2019 ihr Nähatelier in eine alte Fabrik an der Lessingstrasse in Zürich zügelt, ist Eva mit ihren Kreationen in einem Atelierladen an der Hotzestrasse zu Gast. Sie freut sich, wertvolle Erfahrungen in einem Ladenlokal sammeln zu können. Sie schaut aber auch konsequent nach vorne und nimmt dabei den Begriff Unternehmerin wörtlich: „Unternehmer sind Menschen, die anpacken! Nur zu überlegen hilft nicht, man muss es einfach machen.

Eva ist immer auf der Suche nach Ideen zur Optimierung ihrer Modelle und natürlich nach potentieller Kundschaft für ihr Nischenprodukt. In Zeiten, in denen sich Zweifel breitmachen, erlebt sie Wertschätzung und Anerkennung als extrem hilfreich. Zudem bildet sie sich ständig weiter und holt sich Unterstützung, wo dies nötig und sinnvoll ist.

Als nächstes stehen zündende Ideen und neue, mutige Schritte in Sachen Marketing und Verkauf an. Bis anhin hat sie ihre Kleider häufig im Kontext der „Fashion Revolution Bewegung“ gezeigt, einer weltweiten Bewegung, die ihren Ursprung in England hat und sich für eine nachhaltige Modeindustrie und einen massvollen Konsum einsetzt. Hier findet Eva Gleichgesinnte und ein Publikum, welches für das Thema bereits sensibilisiert ist.

Wenn sich Eva an Kundinnen erinnert, die sich unvermittelt in eines ihrer Stücke verguckt haben, dann wird ihr klar, dass ihre Kleider auch in anderen Kontexten gezeigt werden sollten. Es gibt sie nämlich, die Frau, die genau dieses eine Stück haben will! Das überrascht Eva immer wieder. In solchen Momenten spürt sie, dass es sich lohnt weitere Upcycling-Modelle zu kreieren und neue Verkaufsstrategien ausfindig zu machen.

 

*** Ende ***

 

Evas Webseite: www.pretareporter.ch

 

neue Adresse in Zürich:

Hotzestrasse 11, Nähe Schaffhauserplatz (bis 31.3.2019)

Lessingstrasse 13, Nähe Sihlcity (ab 1.4.2019)

Ein herzliches Dankeschön an Eva Waldmann für das Interview mit Fotosession am 22.10.2018 in ihrem ehemaligen Atelier an der Goldbrunnenstrasse in Zürich.

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