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Wann, wenn nicht jetzt!

Andrea Holle wird ihrem Namen im wahrsten Sinne des Wortes gerecht. Sie schüttelt ihre Karriere aus wie ein Kissen und ihre Projekte wirbeln voller Leichtigkeit durch die Luft. In jedem Satz, mit dem Andrea ihre bisherige Laufbahn schildert, steckt Energie, Lebensfreude und Überzeugung. Allen Unkenrufen zum Trotz – und davon gab und gibt es genug – hält sie an ihren Ideen fest und setzt sie konsequent um. Erfolge spornen sie natürlich an, aber sie spielen nicht die Hauptrolle. Sie setzt Dinge um, weil sie ihr Spass machen. Wie ein roter Faden zieht sich folgender Leitgedanke durch ihr Leben: „Ich höre auf meine innere Stimme und tue das, was mir am meisten Freude bereitet! Wenn ich meine Leidenschaft lebe, kann fast nichts schief gehen.“

Soviel zur Theorie. In der Praxis liest sich Andreas Lebenslauf tatsächlich wie eine Aneinanderreihung stimmiger Entscheidungen, die sie immer in irgendeiner Form weitergebracht haben. Ihren Einstieg ins Berufsleben bezeichnet sie allerdings als langweilig. Wie viele andere war sie am Ende der Schulzeit orientierungslos und absolvierte eine kaufmännische Lehre mit Berufsmatura. Rückblickend war aber auch das ein Segen, da sie sich mit dieser Ausbildung nicht schon in jungen Jahren spezialisieren musste. Nach der Lehre ging sie für drei Monate nach New York, wo sie in einem neu eröffneten Hostel im berüchtigten Stadtteil Harlem eine ihrer besten Zeiten erlebte. Sie machte Betten, betreute die Rezeption, verteilte Flyer und führte Gäste durch die Stadt.

IMG_20151128_0004 Hostel in Harlem, New York

Eintauchen in die aufregende Welt des Films

Die Filmbranche war immer schon Andreas grosse Leidenschaft. Doch sie empfand sich selber als zu wenig kreativ und suchte nach Möglichkeiten, um sich trotzdem in irgendeiner Form mit Filmen beschäftigen zu können. Mehr aus Neugier, und nicht weil sie ernsthaft an der Schauspielerei interessiert gewesen wäre, nahm sie am Casting eines französischen Regisseurs teil. Sie bekam prompt die Zusage für die zweite Hauptrolle. Man riet ihr, die Schauspielschule zu besuchen. Weil sie auch den Umgang mit der Kamera und den Filmschnitt lernen wollte, wagte sie sich an die strenge Aufnahmeprüfung der EFAS (European Film Actor School). Auch dieser Schritt klappte sofort.

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Doch nach knapp einem Jahr spürte Andrea, dass die Schauspielerei tatsächlich nicht ihre Passion ist und sie sich unter den vielen Einzelkämpfern nicht wirklich wohl fühlte. Ausserdem verspürte sie grosse Reiselust und wechselte kurzerhand zur Swissair, bei der sie die folgenden zwei Jahre als Flight Attendant arbeitete.

Andrea Flight Attendant

Mit 21 Jahren zog sie von zu Hause aus und beschloss sich weiterzubilden. Sie entschied sich für ein Studium der Betriebsökonomie mit Schwerpunkt Wirtschaftskommunikation an der Fachhochschule Luzern und erwarb nebenbei auch noch den Schwarzgurt in Taekwondo. Nach Studiumende fand sie schnell eine Stelle als Kommunikationsplanerin bei der EWL in Luzern (Energie-Wasser-Luzern). Doch zwei Jahre später fühlte sie sich erneut reif für die grosse weite Welt, bereiste Chile und bestieg das Frachtschiff CCNI Atacama, auf dem sie sieben Wochen lang zurück nach Europa tingelte.

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Sie genoss die friedliche Zeit als einzige Passagierin inmitten einer überaus freundlichen, burmesischen Crew, mit Zwischenstopps in Häfen, in denen kein Touristenschiff jemals anhalten würde. Sie hatte wunderbar Zeit, um auf der Überfahrt nach Hamburg über ihre Zukunft nachzudenken.

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Andrea sucht sich ihre Jobs immer mit Bedacht aus. Sie recherchiert viel und weiss am Ende ganz genau, warum sie sich für eine bestimmte Stelle bewirbt. Das könnte Teil ihres Erfolgsrezeptes sein, mit Hilfe dessen sie immer wieder spannende Herausforderungen an Land zieht – wie zum Beispiel beim Departement für Informationstechnologie und Elektrotechnik an der ETH in Zürich, wo sie als PR-Beauftragte mit dem Aufbau einer Kommunikationsabteilung betraut wurde. Diese Aufgabe erwies sich als weitere Perle in ihrem Berufsleben.

Nach der Geburt ihres ersten Kindes durfte sie – dank ihres aufgeschlossenen Chefs an der ETH – eine Mitarbeiterin für ein Jobsharing aussuchen. Diese Lösung klappte wunderbar, bis zur Geburt ihres zweiten Kindes. Da sie viele Events organisieren musste, wurde es immer schwieriger, den unregelmässigen Familienrhythmus mit der Arbeit in Einklang zu bringen. Sie kündigte und wollte sich fortan ganz der Kindererziehung widmen. Doch ihr wurde diese Aufgabe schnell zu einseitig und sie sehnte sich nach einer Horizonterweiterung. So schüttelte sie einmal mehr ihr Ideenkissen aus und beschloss etwas Eigenes auf die Beine zu stellen – wenn möglich im Bereich Film und Events. Ihr Mann bestärkte sie in ihrem Vorhaben, die Familienzeit für ein „Herzprojekt“ zu nutzen, welches zwar kein Einkommen generiert, dafür aber ihre Energien freisetzen und ihr berufliches Netzwerk bereichern wird.

Bevor Andrea loslegte, frischte sie ihr Wissen mit einer Weiterbildung in Unternehmens- und Marketingkommunikation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften auf. Dabei vertiefte sie ihr Wissen im Bereich Social Media, was letztlich der entscheidende Türöffner für ihr Projekt werden sollte. Die Abschluss-Projektarbeit nutzte sie, um ihre Idee eines Filmfestivals umzusetzen – einem Wettbewerb für Kurzfilme, die mit Hilfe mobiler Geräte wie Smartphones, Tablets oder Gopros produziert werden. Diese Plattform erlaubt es Menschen aus aller Herren Ländern sich zu messen, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen.

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Mit dem MoMo-Filmfestival gelang Andrea ein perfekt auf ihre Bedürfnisse abgestimmter Mix zwischen PR, Kommunikation und unternehmerischen Aspekten. Ihre Recherchen im Vorfeld zeigten, dass es weltweit nur wenige solcher Festivals gab, beispielsweise in Südkorea, Barcelona, San Francisco oder Hongkong. Ihr fiel auf, dass diese hinsichtlich Marketing nicht wirklich professionell organisiert waren. Ausserdem wurden mobile Geräte in der Filmbranche bis anhin nicht wirklich ernst genommen. Andrea aber roch das Potential dieser Technik, die mittlerweile in Puncto Qualität massiv aufgeholt hat und die aufgrund eingeschränkter technischer Möglichkeiten einiges mehr an Kreativität erfordert. Die Geschichte ist das A und O, weil sich fade Stories nicht hinter Spezialeffekten oder einem gekonnten Filmschnitt verstecken können wie in einem herkömmlich gedrehten Film.

DSC_3420 Andrea und Simon Horrocks

Noch vor Projektstart landete Andrea einen besonderen Coup, der sich in der Folge als wertvoller Gewinn für das MoMo-Festival erweisen sollte. Sie hatte auf Twitter die Crowdfunding-Aktion von Simon Horrocks mitverfolgt, dem Autor und Regisseur des Films „Third Contact“. Sein Ziel war es, diesen Film ins BFI IMAX in London zu bringen, dem Olymp in der Filmbranche. Andrea kontaktierte ihn kurzerhand und bot ihm eine Aufführung in Zürich an, ohne einen konkreten Plan, wie sie das tatsächlich anstellen sollte. Horrocks sprach darauf an und Andrea legte sich ins Zeug. Sie organisierte ebenfalls ein Crowdfunding, startete eine Umfrage auf Twitter, welches Kino in Zürich dafür geeignet wäre, und klopfte schliesslich beim Kino Riffraff an die Tür. Das Geld kam zusammen, es musste sogar ein grösserer Saal gemietet werden, und Simon Horrocks blieb Andrea als Gründungsmitglied für das MoMo-Festival erhalten. Er unterstützt sie mit seinem künstlerischen Knowhow und Netzwerk in der Filmbranche.

Foto(9) das MoMo-Gründerteam

Gemeinsam mit Mike Myshko (Branding, Webseite, Logo), Raquel Forster (Kommunikation, Moderation) und Cathrin Michael (Sponsoring, Kommunikation) organisieren sie nun das Festival zum zweiten Mal. Vor gut einem Monat fiel der Startschuss und seitdem sind über 300 Filme aus aller Welt eingegangen. Andrea rechnet mit 400 Filmen bis zum Einsendeschluss Ende des Jahres. Im Vergleich dazu nahmen letztes Jahr 235 Filme aus 50 Ländern teil.

Ohne Twitter wäre das Ganze nicht möglich, betont Andrea. Facebook eigne sich weniger dafür, da dort eher eine one-way-Kommunikation stattfindet. Bei Twitter hingegen ist Austausch gang und gäbe. Alles sei buchstäblich über diese Plattform gelaufen: Werbung, Sponsorensuche, Aufruf an potentielle Teilnehmer oder Brainstorming bei spezifischen Fragen. So kam es, dass Andrea via Twitter herausfinden wollte, wo es sogenannte Bauchläden zu mieten gibt. Zwei Twitterer meldeten sich und trafen sich schliesslich im realen Leben, um das Holz zu besorgen und in der eigenen Werkstatt exklusive MoMo-Bauchläden zu basteln.

manuellopez-for-momo-0046 exklusiver MoMo-Bauchladen

Das Festival findet grossen Anklang im In- und Ausland. In der Sendung Kulturplatz des Schweizer Fernsehens wurde darüber berichtet und BBC Worldnews brachte einen Beitrag in der Sendung Global Guide, welche über „the most interesting and exciting events from around the world“ berichtet. Umso mehr erstaunt das Mini-Budget, das den Organisatoren zur Verfügung steht. Dank dem Einsatz vieler Freiwilliger und des Projektteams können die Kosten niedrig gehalten werden. Weil die letztjährigen Sponsoren aufgrund von Sparmassnahmen oder internen Strategiewechseln 2015/16 nicht mehr zur Verfügung stehen, muss ein neuer Finanzierungsplan erstellt werden. Anfang 2016 ist deshalb wieder ein Crowdfunding geplant.

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Wenn alle Pläne aufgehen, wird Sean Baker Teil der Jury 2015/16 sein. Um ihn und seinen mit einem Smartphone gedrehten Film Tangerine herrscht im Moment ein regelrechter Hype. Zu Beginn des Festivals am 28.5.2016 wird in Kooperation mit der Zürcher Hochschule der Künste eine Masterclass mit Sean Baker im Toni-Areal stattfinden, bei dem auch sein Film gezeigt wird. Im Anschluss werden im Kino Arthouse Uto die vierzig besten eingereichten Filme in verschiedenen Kategorien gezeigt. Nach der Awardvergabe durch die Jury findet eine Aftershowparty statt. Das Ganze soll auch dieses Jahr wieder via Lifestream mitverfolgt werden können.

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Award-Vergabe 2015

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Aus Andreas Schilderungen wird klar, wie viel ihr dieses Projekt persönlich bedeutet. Sie hat deshalb einige Jobangebote in den Wind geschlagen, mit der inneren Gewissheit, dass sie später einmal dank dem Festival auf ein buntes Netzwerk zurückgreifen wird können. Spannende Möglichkeiten bieten sich ihrer Meinung nach immer wieder, man muss nur aktiv Sorge für das innere Feuer tragen, sich gut vernetzen und sich nicht von den Ängsten und Bedenken anderer Menschen irritieren lassen – dann komme es schon gut!

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Abschliessend möchte ich zwei Dinge herausstreichen. Erstens ist es Twitter zu verdanken, dass ich überhaupt auf Andrea aufmerksam wurde. Zweitens zeigt Andreas Weg eindrücklich, wie viel wir verpassen, wenn wir unsere Leidenschaften nicht ausleben. Andrea wäre vermutlich immer noch in irgendeinem kaufmännischen Job, weit weg von der aufregenden Welt des Films und der neuen Medien. Ausserdem gäbe es diese tolle Plattform nicht, auf der sich so viele Menschen aus allen Kontinenten mittels einfacher mobiler Geräte und ihrer Kreativität messen können. Ein Gewinn für alle – auch für die Zuschauer! Ich hoffe, Andrea wird in Zukunft immer wieder ihr Ideenkissen ausschütteln und unbeirrt Dinge umsetzen, die ihr am Herzen liegen.

*** ende ***

Auf https://filmfreeway.com/festival/momofilmfest können bis Ende Jahr Beiträge hochgeladen werden.

Auf http://www.momofilmfest.com findet man alles Wissenswerte über das Festival.

Andrea Holle und dem MoMo-Filmfestival auf Twitter folgen: @momofilmfest bzw. @AndreaSnowflake

Text und Porträtfoto: Barbara Sorino

Fotos im Text: Andrea Holle

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