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Höre auf deinen Bauch

Patricks Antwort auf meine Schlussfrage, welche Botschaft er den Lesern und Leserinnen mitgeben möchte, hat nichts mit Esoterik zu tun. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes rein körperlich zu verstehen. Denn Patrick`s Bauch hat ihn schon einige Male dazu gebracht, eine Idee in die Tat umzusetzen. Wenn er einmal entschieden hat, dann zieht er die Sache durch – mit Leib und Herz.

Patrick am Nordkap Nordkap

Oktober 2006. Kinobar Loge in Winterthur. Patrick geniesst einen Cappuccino und lässt die 10.000 Kilometer auf dem Velo* Revue passieren, die er soeben zwischen Gibraltar und dem Nordkap zurück gelegt hat. Er erinnert sich lebhaft an einen Husky-Mann in Schweden. Tagaus tagein geht dieser seinen Lieblingsbeschäftigungen nach. Im Sommer geht er fischen und Kanu fahren. Im Winter flitzt er mit seinen geliebten Hunden durch die Schneelandschaft. Und er verdient damit seinen Lebensunterhalt, indem er Touristen und andere Interessierte an seinen Lieblingsbeschäftigungen teilhaben lässt. Ein Schlüsselerlebnis für Patrick. Plötzlich ist ihm sonnenklar, dass wahre Passion keinen Unterschied kennt zwischen Arbeit und Freizeit. Das, was man macht, ist Teil von einem. Man hinterfragt den Sinn des Ganzen nicht und monetäre Reize sind zweitrangig. Beim letzten Schluck Cappuccino ist die Sache geritzt: Patrick will einen Veloladen eröffnen!

Die Tretlager-Crew    Tretlager Logo & Slogan  Tretlager-Crew

5.Juli 2007. Sulzerareal in Winterthur. An prominenter Lage neben dem Kesselhaus öffnet das „Tretlager“ seine Pforten. Die Tatsache, dass zur selben Zeit in Winterthur 38 andere Veloläden Fahrräder verkaufen und flicken, schrecken Patrick und seine Mitstreiter nicht ab. Im Gegenteil, es spornt sie an, anders zu sein. Besser. Oder noch besser: „RADikal hochwertig“ – so lautet ihr offizieller Slogan. Dieses hat natürlich Auswirkungen – auf ihre Dienstleistung, das Material, den Shop. Und natürlich auf das Kundensegment, das sich angesprochen fühlt. Das „Geiz-ist-geil-Prinzip“ sucht man im Tretlager vergeblich. Und das ist gut so, denn Patrick hat Mühe mit kurzlebigen Sachen. Die IT-Branche, von der er sich vor seiner Velotour auf unbestimmte Zeit verabschiedet hat, ist so eine kurzlebige Welt. Im Tretlager will er langlebige, qualitativ hochwertige Velos und Zubehör verkaufen. Patrick weiss aus eigener Erfahrung, dass sich Qualität bei häufig benutzten Gegenständen wie Velos auszahlt. Auf den 10.000 abgespulten Kilometern musste er nur gerade mal vier Löcher in seinen Reifen flicken. Es blieb ihm also viel Ärger erspart. Seine Erfahrungswerte rund ums Tourenfahren will er nun weitergeben. Er hat es dem schwedischen Husky-Mann gleich getan und andere in seine Leidenschaft fürs Velofahren einbezogen – gleich gesinnte, zahlende Kunden.

Patrick in Schweden vor seinem Zelt Kaffiholen Schweden Schweden

Früher und heute. Patrick hatte immer mal wieder Momente, in denen sein Bauch das Wort ergriff. Momente, in denen ihm eindeutig klar wurde, was er als nächstes in Angriff nehmen will. Mit 16 Jahren entdeckte er in sich den bewegungshungrigen Wettkämpfer. Er widmete sich fortan der Leichtathletik und schaffte es bis in den Europa-Cup. Wegen einer hartnäckigen Schleimbeutelentzündung musste er jedoch seinen Traum von einer Teilnahme an der Olympiade begraben.

Nach seiner Berufslehre als Schaltanlagen-Monteur** zog es ihn in die Informatik. Damals wurden Computer gerade salonfähig und Jobs wurden einem quasi hinterher geworfen. Ohne spezielle Ausbildung nahm er eine Stelle als SAP R/3 Basis Berater an. Später absolvierte er eine Höhere Fachschule (TS) in Informatik. Bald aber kam der Zeitpunkt, da war die digitale, logische Seite in ihm gesättigt.

Patrick bemerkte zunehmend, dass ihm im Gegensatz zu einigen Berufskollegen wirtschaftliche Kenntnisse fehlten. Er suchte nach einer passenden Weiterbildung. In dieser Zeit reifte auch sein Wunsch heran, auf eine längere Veloreise aufzubrechen. Heute denkt er anders, aber damals befürchtete er, er würde eine Ewigkeit radeln und nach der Rückkehr nicht wissen, was dann käme. Also kündigte er seine hoch dotierte Stelle als SAP Berater und beschloss, sich noch vor der Abreise für den Executive MBA in Strategic Management an der Kalaidos Fachhochschule anzumelden. Die Anmeldung verlief allerdings harzig. Ganze drei Anläufe waren nötig. Beim ersten Versuch, eine Informationsveranstaltung zu besuchen, schaffte er es lediglich bis ins Herren-WC. Er sah sich von Krawatten-bestückten Business-Leuten umzingelt und alles in ihm schrie: „Krawatten, Wirtschaft, Patrick? Shit, willst du das wirklich?!“. Beim zweiten Anlauf schaffte er es immerhin bis zur Pause der Informationsveranstaltung. Doch dann erfasste ihn dasselbe hilflose Gefühl wie Wochen zuvor vor dem WC-Spiegel. Trotz allem, irgendeine Instanz in ihm fühlte sich weiterhin magisch angezogen von dieser Weiterbildung. Er ging ein drittes Mal hin mit der Intention sich fix anzumelden. Als digital veranlagter Mensch war ihm diese Art von Unsicherheit bis anhin fremd. Zugleich aber lag darin auch eine logische Konsequenz. Er war Informatiker und darin ein Fachidiot. Nun wollte er sich endlich in wirtschaftlichen Belangen fit machen. Doch bevor es losging, strampelte er vom Süden in den Norden Europas und war glücklich.

Faszination Wirtschaft. Der Aufbau des Tretlagers und das MBA-Studium gingen Hand in Hand. So konnte Patrick das Gelernte eins zu eins in der Praxis erproben und umsetzen. Abgesehen von der Doppelbelastung entpuppte sich der Entscheid für diese Ausbildung als Segen. Patrick entdeckte eine neue Leidenschaft. Sein Feuer begann zu lodern für die verschiedenen Facetten der Wirtschaft: strategisches Management, Unternehmensführung, Marketing und – im Besonderen – die Volkswirtschaftslehre. Patrick fasziniert daran, global und fachübergreifend denken zu müssen. Mit der Zeit wurde dieses Fachgebiet immer lebendiger für ihn. Früher übersprang er beim Lesen die Wirtschaftsnachrichten. Heute studiert er sie mit Heisshunger. Sein erworbenes Wissen rundum Wirtschaftstheorien, Indikatoren oder Auswirkungen eines negativen BIP münzt er nun auf seine junge Firma um. Er fragt sich unter anderem, welche Folgen rückläufige Detailhandelszahlen auf seinen Umsatz haben könnten und welche Massnahmen er ergreifen muss, um entgegenwirken zu können oder um negative Aussichten im positiven Sinne für das Tretlager nutzbar zu machen.

bunter Velositz Reifengürtel Zubehör

Wirtschaftskrise. Als die Wirtschaft vor vier Jahren zu lahmen begann und die Leute ihren Gürtel enger schnallen mussten, erinnerte sich Patrick an den Mechanismus, dass in mageren Zeiten anstatt gekauft vermehrt gemietet wird. Er und sein Team bauten kurzerhand einen Mietservice in ihr Konzept ein. Diese Strategie fruchtete. Und noch etwas wurde Patrick durch die Krise offenbart: die Velobranche funktioniert antizyklisch! Je schlechter es der Wirtschaft geht, umso eher leistet man sich ein Velo anstatt eines teuren Autos. Aber nicht irgendein Velo. Denn der Verkauf trendiger Cruser-Velos lief plötzlich nicht mehr. Diese farbigen Amischlitten unter den Velos werden meist als Zweit- oder Drittvelo gekauft und dafür war in der Krise dann doch kein Geld mehr übrig.

Patrick im Tretlager Edi an der Werkbank Kopf & Hand

Geld und Leidenschaft. Man könnte an diesem Punkt den Eindruck gewinnen, Patrick hätte es bei aller Liebe zu Velos am Ende doch nur auf Gewinnoptimierung abgesehen. Er dementiert. Geld sei nicht ausschlaggebend gewesen bei seinem Entscheid eine Firma zu gründen. Das sei auch heute noch so. Schliesslich hat er den hoch profitablen Job in der Informatik zugunsten der Firmengründung gekündigt. Der Umsatz spielt für ihn insofern eine Rolle, als er seine Stelle im Tretlager nicht verlieren will. Die Zahlen und das Konzept müssen stimmen, damit er sich noch lange an seinem Job freuen kann.

Und nebenbei gesagt, gab es in seinem Leben auch Zeiten, wo er knapp bei Kassa war. Für die Technikerschule hatte er eigentlich kein Geld. Aber eben, wenn sich Patrick für etwas entscheidet, dann findet er immer einen Weg. Mit Stipendien und Startgeldern aus der Leichtathletik finanzierte er sich die teure Informatikausbildung.

Getrübte Freude. Auch im Tretlager hängen manchmal die Wolken tief. Ganz am Anfang musste sich Patrick mit einer Geschichte herumplagen, die ihm schlaflose Nächte bereitete. Mit einem der drei Firmeninhaber funktionierte es nicht. Es dauerte lange sechs Monate, bis es zur Trennung kam. Das Schlimmste am Ganzen war für Patrick, dass er sein ungutes Bauchgefühl ignoriert hatte, welches ihn von Beginn an gewarnt hatte.

Tretlager-Crew im Laden Tourenvelo  Tourenvelo

Mit gutem Riecher weiter voran. Aus solchen schwierigen Situationen zieht Patrick die notwendigen Lehren. Wenn es zum Beispiel um die Auswahl eines Lehrlings geht, so zählt sein Bauchgefühl heute mehr als die Zeugnisnoten. Und bei der Strategieausrichtung seiner Firma kann durchaus der Fall eintreten, dass sein Bauch wider jede Logik neue Ideen durchsetzt. Sagt sein Kopf: „Nein, auf keinen Fall Mountainbikes und Rennvelos aus dem Sortiment nehmen und auf den Tourenbereich und Zubehörverkauf setzen!“, so entgegnet sein Bauch unmissverständlich: „Der Tourenbereich und Zubehörverkauf haben Potential!“. Patrick geht auf Nummer sicher und schickt sich und sein Team bei kniffligen Entscheidungen in Klausur. Gemeinsam analysieren sie den Markt und wagen einen Blick in die Zukunft. Der Vernunft zuliebe müsste das Tretlager weiterhin allein auf den Verkauf von Velos setzen. Denn nur so können grosse Umsätze erzielt werden. Doch Patrick spürt den Zeitgeist und sieht, wie sich das Velowegenetz immer mehr ausdehnt, wie Menschen scharenweise aufs Velo (um)steigen, Veloferien statt Badeferien buchen und Velozubehör kaufen. Am Ende siegte auch in dieser Frage die Intuition. So setzt das Tretlager künftig verstärkt auf das Tourengeschäft und ein spezielles Zubehörsortiment.

Was sich aber trotz jeder Veränderung im Tretlager nie ändern wird, ist der Anspruch, qualitativ hochwertigen Service zu bieten. Die Kundschaft soll sich im Tretlager wohl fühlen, ganz im Sinne des Artikels im Velomagazin „velobiz.de“ vom April 2012, in dem die Wertschätzung der Kunden als wesentlicher Erfolgsfaktor beschrieben wird.

Velo in Norwegen Norwegen_Patrick mit Trinkflasche und Velo  Norwegen

Quintessenz. Die Velogeschichte ist für Patrick ein Gegenpol zum IT-Business. Obwohl er sich auch heute noch problemlos über längere Zeit hinter seinem PC verschanzen und sich der einschränkenden Logik des binären Systems hingeben kann, will Patrick nicht auf die intensiven Flow-Erlebnisse im Velosattel verzichten. Im Tretlager oder auf Veloreisen ist er ein komplett anderer Mensch. Statt Druck verspürt er pure Freiheit. Sogar seine Umwelt nimmt diese Veränderung wahr. Es heisst, seine Körperhaltung verändere sich, wenn Patrick über Velos redet. Er stehe aufrechter da und rede feuriger.

Das Tretlager bietet Patrick die Vielfalt, die er braucht. Alle Bereiche sind abgedeckt: Kopf und Körper, Handwerk und strategisches Planen. Und wenn ihm mal wieder die Buchhaltung verleidet, sattelt er einfach sein Velo – wofür er maximal 30 Minuten benötigt, weil die gepackten Satteltaschen stets griffbereit sind – und radelt drauflos. Ohne seine Veloreisen durch Australien und Europa wäre er übrigens nicht auf die Idee gekommen, einen Veloladen zu eröffnen. Und das wäre ein Jammer!

*** ende ***

PS: Ich habe Patrick 2004 kennen gelernt. Er hat sich auf ein Inserat von mir im Globetrotter Magazin gemeldet, in dem ich Gleichgesinnte für einen Gedankenaustausch vor einer längeren Veloreise suchte. Daraus entwickelte sich eine langjährige Freundschaft. Von Patrick kann man viel lernen in Sachen Bauchgefühl, Selbstvertrauen und Unternehmertun.

Patrick entspricht dem Bild eines „Scanners“, konkret gesagt eines „Serienmeisters“. Barbara Sher beschreibt in ihrem Buch über Scanner, dass sich Serienmeister solange einer Sache widmen, bis sie diese vollends beherrschen. Es macht ihnen Freude, dabei über ihre eigenen Grenzen zu gehen. Für sie ist es ein erhebendes Gefühl, in einem Bereich von null auf hundert zu gelangen und dies rein aus eigener Anstrengung heraus geschafft zu haben.

Zweifellos, das Tretlager wird es noch lange geben. Ich bin gespannt, welche Wege Patrick und seine Crew in Zukunft noch beschreiten werden. Es ist so sicher wie das Amen im Gebet, dass Patrick nicht stehen bleibt, sondern immer wieder neue Ideen aushecken wird. Mein Respekt vor seinem Mut und Tatendrang ist ihm weiterhin sicher!

Diese Geschichte basiert auf einem Interview mit Patrick am 7.12.2012.

Text: B.Sorino; Fotos: Barbara Sorino und Patrick Schmitt

Fussnoten, Literaturtipps und Links:

*Velo ist die Schweizer Bezeichnung für Fahrrad.

**Der Schaltanlagen-Monteur entspricht heute den beiden Lehrberufen Automatiker und Automatik-Monteur.

Gigerenzer Gerd: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. Goldmann 2008.

Sher Barbara: Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast. Deutscher  Taschenbuch Verlag 2010 (3. Auflage).

www.tretlager.ch

www.kalaidos-fh.ch

www.brooksengland.com (Sattel zum Wohlfühlen!)

www.tout-terrain.de

www.koga.com

www.velobiz.de/article/8789

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