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Hut an

Myrtha ist überzeugt, dass ihre Hüte glücklich machen. Es sei ihr vorbestimmt gewesen, den exotischen Beruf der Modistin zu erlernen. Ein Blick in ihre sprühenden Augen genügt und man weiss, dass sie recht hat.

Seit Juli 2008 ist die Steinberggasse in Winterthur um einen charmanten Laden reicher. Es ist ein kleiner, feiner Laden, in dem sich allerlei Hüte türmen – Beigen übereinander gestapelter Männerhüte und Frauenhüte, Sommerhüte und Winterhüte, Stoffhüte und Strohhüte, Klassiker und extravagante Hüte. Myrtha lacht laut auf, wenn man sie fragt, wie viele Hüte bei ihr auf engstem Raum um die Gunst der Kunden buhlen. „Genug“ meint sie und fügt hinzu, dass sich die Hüte besser verkaufen, wenn der Laden randvoll ist. In der knappen Stunden, in der die Fotos für diese Geschichte entstehen, kommen erstaunlich viele Leute in den Laden und kaufen eine Mütze oder holen einen Hut ab. Zweifelsohne, das Geschäft läuft.

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Myrtha wollte nach der Schule „etwas Kreatives“ lernen. Sie war eine verträumte Schülerin und spät dran mit der Berufswahl. Erst gegen Ende des letzten Schuljahres ging sie in die Berufsberatung. Dort fiel ihr ein Heft über den Beruf der Modedesignerin in die Hände. Darin las sie, dass man im Vorfeld eine Lehre als Kürschnerin, Modistin oder Schneiderin machen müsse. Beim Wort „Modistin“ machte es Klick! Sie las fasziniert weiter und fand heraus, dass Modistinnen Damenhüte herstellen. In diesem Moment begann eine Flamme in ihr zu lodern, die bis heute lichterloh brennt.

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Drei Anrufe später hatte sie einen Lehrbetrieb in Baden ausfindig gemacht, der eine Lehrstelle offen hatte und bereit war, sie dort schnuppern zu lassen. Die Chefin, die in den Ferien weilte, kam extra ins Geschäft, um Myrtha beim Arbeiten zuzuschauen. Diese hielt offensichtlich den Holzkopf goldrichtig zwischen den Oberschenkeln eingeklemmt und stellte sich beim Nähen so geschickt an, dass die Chefin wusste, eine künftige Modistin vor sich zu haben. Myrtha war nie gut im Nähen und mochte die Handarbeitsklasse nicht sonderlich gerne. Das änderte sich in der Lehre schlagartig. Und sie wusste bereits damals, dass sie eines Tages einen eigenen Laden haben wird.

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Davor aber liebäugelte sie damit, im Ausland zu arbeiten. Noch vor der Lehrabschlussprüfung fuhr sie deshalb nach Paris, um eine Stelle zu suchen. Dummerweise hatten die wenigen Ateliers wegen den nahenden Ostertagen alle zu. Bitter enttäuscht kehrte Myrtha zurück nach Hause. Ihre Lehrmeisterin, der das sehr leid tat, kontaktierte eine Vertreterin der weltbekannten Männerhutmarke „Borsalino“ in Mailand. Kurz darauf bekam Myrtha das Angebot, für drei Monate bei „Gallia e Peter“ in der Via Monte Napoleone – der Bahnhofstrasse von Mailand – arbeiten zu dürfen. In diesem Nobelladen wurde nur das Beste vom Besten hergestellt und an alle möglichen VIP`s verkauft. Ein Hut-Imperium der Extraklasse, indem tolle Hüte aus sündhaft teurem Material hergestellt wurden, von denen keiner unter tausend Franken über den Ladentisch ging.

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Vor der Abreise legte sich Myrtha in einer Fabrik in Sihlbrugg ein kleines Geldpolster zu und drückte Nieten in Badezimmermöbel. Diese Arbeit langweilte sie zutiefst. Aber das Geld gab ihr eine gewisse Sicherheit, denn die Sache mit der Bezahlung in Mailand war noch nicht geklärt. Als sie in Mailand ankam und das zuvor organisierte Zimmer beziehen wollte, hiess es, dieses würde nun für die zuvor erkrankte Nonna gebraucht. Myrtha stand mit ihren paar Brocken Italienisch buchstäblich auf der Strasse. Ihr Begleiter, ein Halb-Italiener, wollte sie zur Heimreise überreden. Doch Myrtha dachte nicht im Traum daran! So stressten beide mit ihrem Gepäck durch halb Mailand und fanden schliesslich ein freies Zimmer in einer grossen Privatwohnung. Gekrönt wurde der ganze Stress durch dutzende Kakerlaken, die ungeniert durchs Zimmer wuselten. Ein Horror, besonders in der Nacht, von dem sich Myrtha aber ebenfalls nicht abschrecken liess.

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Die Arbeit war toll. Die Frauen im Laden hatten nicht damit gerechnet, dass Myrtha die Hutmacherei bereits beherrschte. Sie staunten, was sie alles schon konnte, und trugen sie auf Händen. Nur die Bezahlung war mickrig. Ganze 250.000 Lire – umgerechnet 125 Euro – bekam sie im Monat. Aber Myrtha war das egal und die drei Monate waren schnell vorbei. Kaum dass sie in die Schweiz zurück gekehrt war, wollte die Chefin von „Gallia e Peter“ sie schon wieder zurück. Myrtha sagte zu, stellte nun aber Bedingungen hinsichtlich der Bezahlung. Und sie forderte, dass man ihr eine Wohnung organisierte. Schliesslich landete sie wieder in Mailand und bezog eine Einzimmerwohnung. Diese Zeit erlebte Myrtha wie einen langen Urlaub. Es war alles so aufregend und ihr Italienisch wurde immer besser. Sie spürte, dass sie länger in Mailand bleiben und sich um eine offizielle Arbeitsbewilligung kümmern wollte. Mit der Zeit regte sich ausserdem die Lust in ihr, noch etwas anderes zu sehen.

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Die Suche nach etwas Neuem war ein Kinderspiel. Da es in Italien damals keine Modistenausbildung mehr gab, wurde sie von der „Sartoria Theatrale Brancato“ mit Handkuss aufgenommen. Die folgenden zweieinhalb Jahre fertigte Myrtha Hüte für die Mailänder Scala. Die Aufträge kamen von überallher und erforderten viel Handarbeit. Sie durfte zum Beispiel den Kopfschmuck für die weltbekannte Ballerina Carla Fracci anfertigen – inklusive Anprobe versteht sich.

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Dann wechselte Myrtha nochmals die Stelle und arbeitete die folgenden vierzehn Jahre für die Theaterschneiderei „Casa d`Fiore“, die bereits seit 50 Jahren für sämtliche Kostüme der Arena in Verona verantwortlich war. Hier ging es um Masse. Allein für die Oper Carmen wurden 1400 Hüte produziert. In diesem Haus lernte Myrtha schnell, praktisch und zugleich schön zu arbeiten. Diese Art von Massenproduktion erfordert auch ein hohes Mass an Einfühlungsvermögen in die Wünsche der Kostümbildner. Es war keine Struktur vorgegeben, an der sich Myrtha hätte orientieren können. Sie musste sich ihr Können selber erarbeiten und dabei einen hohen Erfindergeist hinsichtlich Formen und Materialien an den Tag legen. Das wiederum hat sie zu dem geformt, was sie heute ist: eine Hutmacherin mit einem hohen Grad an Selbstsicherheit und Gespür für die Wünsche ihrer Kundschaft.

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In all den Jahren gärte der Traum vom eigenen Laden weiterhin in ihr. Das führte dazu, dass Myrtha in den letzten vier Jahren, die sie in Mailand lebte, neben dem Job mit zwei anderen Frauen ein Atelier betrieb. Ihr Angebot kam erstaunlich gut an. Sie stellten Hüte her für Moschino und für Modeschauen junger Mailänder Designer. Auch die Tele Novela des italienischen Fernsehens zählte zu ihren Kunden. Doch der Arbeitsaufwand an sieben Tagen die Woche machte sich irgendwann im Rücken bemerkbar. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Zeitgleich ging auch Myrtha`s langjährige Partnerschaft zu Ende. Da spürte sie, dass es Zeit wurde in die Schweiz zurück zu kehren.

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Myrtha hatte die Nase voll davon, als Angestellte ihr Geld zu verdienen. Es störte sie zusehends, immer nach dem Geschmack irgendeines Chefs zu arbeiten und dabei ihre Tendenz zur Präzision in Schach halten zu müssen. Sie hielt deshalb Ausschau nach einem eigenen Laden in Winterthur und hatte bald einen Hutladen am Obertor im Visier. Es war schon fast alles unter Dach und Fach. Doch im letzten Moment erfuhr sie, dass die Miete bei der Übernahme erhöht würde, woraufhin sie das Projekt abbrechen musste. Doch der Wunsch nach einem eigenen Geschäft war übermächtig und ihre Vision war schon so präsent, dass sie allen Mut zusammen nahm und dem Präsident der „Jungen Altstadt Winterthur“ telefonierte. Von diesem erhielt Myrtha schliesslich die Telefonnummer der Vorgängerin ihres jetzigen Ladens an der Steinberggasse. Als sie den Laden sah, wusste sie: „Das ist es!“ Von da an lief alles wie geschmiert. Ohne Referenzausweis schenkte ihr der Verwalter sein Vertrauen. Er war begeistert von ihrem Enthusiasmus.

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Unumwunden gibt Myrtha zu, dass sie immer Angst hatte beim Gedanken an die Selbständigkeit. Diese Angst umging sie, indem sie ihre Aufmerksamkeit allein auf die Verwirklichung ihres Traumes lenkte. Wie eine Kriegerin sei sie losmarschiert mit dem Mantra im Kopf: „Ich muss siegen!“. Und wie jemand, der ohne Geld eine Weltreise machen möchte, habe sie einfach daran geglaubt, dass es schon irgendwie klappen wird. Von aussen redeten viele Stimmen auf sie ein und rieten ihr von einem solchen unsicheren Schritt ab. Einzig andere Selbständige waren zuversichtlich. Myrtha wusste, dass sie es – wie sie – einfach probieren musste. Mit der Zeit erkannte sie, dass es die Kraft der Gedanken ist, die sie in die richtige Richtung katapultierte. „Wenn du dem Traum Kraft gibst,“ betont Myrtha immer wieder, „dann werden sich die Umstände so ändern, dass es am Ende passt!“ In einem solchen Moment sprechen dann alle von Zufall. Aber im Grunde genommen hat man selber dem eigenen Traum den roten Teppich ausgerollt. Indem man Träume in Gedanken ausschmückt und sich genau ausmalt, wie der Laden oder ein Produkt aussehen wird, wird es mehr und mehr Realität. „Eigentlich“, sagt Myrtha, „sollten wir Erwachsene wieder mehr wie Kinder träumen und diese Träume lebendig werden lassen“.

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Als sie ihren Laden in Betrieb nahm, war es für Myrtha der schönste Laden auf Erden! Diese Euphorie schwabbte wohl irgendwie auf die Leute draussen vor der Türe über. Myrtha besorgte lediglich ein paar Möbel von Ikea, einen Spiegel und ganze drei Schachteln Hüte. Noch bevor sie diese ausgepackt und sich Gedanken über die Preise gemacht hatte, steckten Neugierige ihre Nase in die Türe und wollten wissen, was sich da in den Schachteln befindet. Die ersten Hüte wurden ihr regelrecht aus der Hand gekauft. Erst da fing Myrtha an, Kontakt zu Lieferanten aufzubauen, die sie noch von der Lehre her kannte, und stellte ihre ersten Kollektionen zusammen.

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Der Hutladen ist für Myrtha wie einen Spiegel, der ihr immerzu zeigt, wer sie ist und wie es ihr gerade geht. Denn, wenn es ihr einmal an Energie und guter Stimmung mangelt, dann wirkt sich das aus wie eine Barriere und das Geschäft stockt. Wenn ihr die Arbeit Freude bereitet, dann läuft auch der Laden. Inzwischen geht Myrtha auch gelassener mit Geldsorgen um. Sie bezeichnet sich als kämpferische Natur, die sich selber auf die Nerven geht, wenn sie sich zu lange Sorgen macht. Vielmehr richtet sie dann den Blick wieder stärker nach innen, nimmt sich Zeit für sich und kreiert einen neuen Hut. In diesem Zustand verschwinden ihre Sorgen und das Geschäft gewinnt wieder an Schwung.

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Die Arbeit als selbständige Modistin bietet viele Freiheiten. Aber es lauern auch Gefahren. Als Ladenbesitzerin ist man stärker in die Gesellschaft involviert und man hat mit vielen verschiedenen Menschen zu tun. Das lenkt mitunter ab und man kann sich in den verschiedenen Energien verlieren. Dann ist es wichtig, seinen eigenen Platz wieder zu finden und sich zu regenerieren. Es hilft auch, alles stehen und liegen zu lassen und neue Projekte oder Hüte zu kreieren.

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Myrtha liebt es, im Laden zu stehen und auf die individuellen Bedürfnisse ihre Kunden einzugehen. Sie nimmt jeden und jede, wie er oder sie ist. Äusserlichkeiten spielen keine Rolle. Präsent zu sein und das Beste für den jeweiligen Kunden zu finden, das reizt sie immer wieder von neuem. „Modistinnen“, sagt sie, „sind eigenwillig und speziell“. Um herauszufinden, was zur Kundschaft passt, muss man in deren Augen schauen und geduldig sein. Viele Kunden zieht es lieber in einen kleinen Laden, wo genug Raum und Zeit ist für ihre Bedürfnisse.

DSC_0312 Ein Kunde bei der Anprobe

Modistinnen sind eine aussterbende Spezies. Nicht in jeder Schweizer Stadt findet man eine Hutmacherei. Für diesen Beruf braucht es ein hohes Mass an Leidenschaft, die von tief innen kommt. Es ist wichtig, gezielt zu denken und sich von den Widrigkeiten rundherum nicht abschrecken zu lassen. Wenn sich Myrtha vor einem Berg Problemen wieder findet, dann denkt sie sich über diesen drüber auf die andere Seite. Das habe sich bewährt. Sie möchte auf keinen Fall die Erfüllung und Freiheit missen, jeden Tag nach ihrem Gusto gestalten zu können – und kreative Hüte obendrein.

**** Hut ab! ****

PS: Als ich eines Tages eher zufällig in Myrtha`s Hutladen stolperte, empfand ich den Überfluss an Hüten auf den ersten Blick erdrückend. Doch kurz darauf verspürte ich den Drang, mich durch die vielen Hüte durch zu probieren. Und dann ging`s los: Hut auf, Hut ab. Am Ende erstand ich mir einen edlen Panama Sonnenhut. Quasi gratis dazu gab`s ein spannendes Gespräch mit Myrtha, deren quirlige, offene Art wesentlich zu meinem Kaufentscheid beigetragen hat. Myrtha besitzt die Gabe, auf charmante Art zu reden wie ein Wasserfall und eine Atmosphäre zu schaffen, in der man sich ein Leben ohne Hut gar nicht mehr vorstellen kann.

Weitere Informationen und Links:

Ein Besuch in Myrtha`s Hutladen ist ein Erlebnis! http://www.hutart.eu/

Link zum Schweizerischen Modistinnenverband SMV: http://berufsverband-modistinnen.ch/fachgeschafte.htm

Ich bedanke mich herzlich bei Myrtha Kriemler für das lebhafte Interview am 10. Mai 2013 in Winterthur.

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  1. zoe #

    Das ist die perfekte Geschichte für die momentanen graukaltnassen Wochen. Du nimmst uns mit in das Leben einer speziellen, bewundernswerten Frau. Ich wünsche ihr viel Glück. Wenn man Kakerlaken in Kauf genommen hat, überwindet man alles. Finde ich.
    Vor vierzig Jahren besuchte ich manchmal meine Tante Liliane Yenny in Genf, ein sehr vornehme, elegante Modistin, très welsch. Sie fabrizierte mir einen Hut, den ich noch heute ab und zu trage. Er besteht aus seidenweichem und doch formstabilem dunkelblauem Filz mit einer riesigen Krempe. Drei extravagante rosa Federn wippen bei jeder Bewegung mit. Obwohl ich nur den halben Preis bezahlte, kostete er damals über 600 Franken! Der Oberhammer aber war die voluminöse Hutschachtel. Diese sei wichtig, damit der Hut die Form behalte. Diese Hutschachtel mit Inhalt war und ist mein persönlicher Glamour. Und obwohl ich in meinem Leben schon auf kleinstem Raum gelebt habe: die Hutschachtel musste immer mit.

    1. Juni 2013
  2. Bettina #

    Liebe Barbara ich finde Deine Geschichten wundervoll. Sie sind sehr einfühlsam, warmherzig und informativ. Sie vermitteln das Gefühl sofort nach Winterthur reisen zu wollen, um alles selbst zu entdecken und die einzelnen Menschen persönlich kennen zu lernen. Gleichzeitig vermitteln sie die Botschaft: Lebe Deinen Traum – Alles ist möglich. Ganz liebe Grüsse aus Hamburg Bettina

    2. Juni 2013
  3. Anonymous #

    ciao Mirtha,sei brava come sempre…

    17. September 2013

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