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Schmuckgeschichten

In Valle Gran Rey auf La Gomera gibt es fast so viele Kleiderläden wie Einwohner. Das ist zugebenermassen leicht übertrieben, aber es hat in der Tat auffallend viele davon. Mich hat es immer gewundert, wie alle diese Geschäfte überleben können, zumal einige davon ähnliche Sachen im Angebot haben und der kleine Ort nicht unbedingt den Massentourismus anzieht. Als ich mir Gedanken machte, wen ich während meiner Auszeit auf La Gomera porträtieren möchte, habe ich mir geschworen, dass darunter keine Kleiderladenbesitzerin sein wird. Das schien mir zu langweilig. Doch es kam anders.

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Dieses Porträt handelt von Marie. Sie hat einen gleichnamigen Kleider- und Assessoire-Laden in Vueltas, der – wenn man so will – „Shoppingmeile“ in Valle Gran Rey. Marie ist mir eines Abends beim Vorbeilaufen regelrecht ins Auge gestochen. Ihre sonnige Ausstrahlung und Offenheit haben mich in ihren Laden gelockt. Wir sind – zusammen mit den anwesenden Kundinnen – ins Gespräch gekommen. Wie so viele hier spricht auch Marie Deutsch, allerdings mit einem sympathischen französischen Akzent. Wir sprachen über meiner Erlebnisse auf Schloss Fougerette im Burgund … und über Maries grosse Leidenschaft für alte Schmuckstücke.

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Manchmal lohnt es sich – wie in diesem Fall – einen Schwur über Bord zu schmeissen. Maries Laden ist nicht nur eine Fundgrube für spezielle Kleidungsstücke, die vor allem bei den spanischen Touristinnen beliebt sind, sondern auch für wunderschöne, geschichtsträchtige Schmuckstücke.

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Über Marie:

Ursprünglich stammt Marie aus Südfrankreich, wo sie bis zu ihrem Abitur gelebt hat. Eines Tages verliebte sie sich in einen Deutschen und zog ihm zuliebe nach Dortmund. Marie jobbte zunächst in einem französischen Bistro und arbeitete sich später bis zur Oberstewardess bei der Deutschen Bahn empor. Später absolvierte sie ein Touristik-Studium und arbeitete mehrere Jahre als Reiseleiterin am Flughafen.

Sich vom Herz führen zu lassen, zieht sich wie ein roter Faden durch Maries Leben. „Wo man sich verliebt, da lebt man“, sagt sie und erzählt, wie sie sich 2001 auf ihrer zweiten Reise nach La Gomera in ihren jetzigen Mann verliebte. Weil dieser in Gomera bleiben wollte und jenes einfache, lockere Leben lebte, das sie als junge Frau im Grunde immer leben wollte, zog Marie auf die Insel. Ein Jahr später kam ihr Sohn zur Welt.

Marie wäre gerne in Deutschland geblieben, wegen der breiteren Palette an Möglichkeiten. Aber La Gomera bringt auch einige Vorteile mit sich: man kann hier viel eher so sein, wie man ist, und man wird nicht aufgrund der Karriereleiter beurteilt. Man braucht wenig zum Leben. Luxus ist unnötig. Jung und alt leben gut miteinander. Das Älterwerden spielt keine so grosse Rolle.

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Allerdings ist ein anonymes Leben aufgrund der Kleinheit der Insel kaum möglich. In Valle Gran Rey, speziell in Vueltas, herrscht zudem ein grosser Konkurrenzkampf zwischen den Ladenbesitzern. Nicht zuletzt vermisst Marie einen langen, weitläufigen und menschenleeren Sandstrand, wie zum Beispiel auf Fuerteventura.

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Die Liebe zum Schmuck gibt Marie offensichtlich genug Erfüllung. Vor ungefähr 15 Jahren wurde sie durch eine Freundin auf ihre Leidenschaft für alten Schmuck aufmerksam. Diese hatte viele schöne Stücke, welche Marie ihr teilweise abkaufte. Mit der Zeit wurden es immer mehr und auch Möbel aus der Jugendstilzeit, dem Art Deco oder dem Biedermeier kamen hinzu. Vor dem Umzug nach La Gomera hat Marie alle diese Sachen verkauft und dadurch ihr Leben minimalisiert.

Marie erzählt uns nun Geschichten über fünf ausgewählte Schmuckstücke:

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Diese Ohrringe stammen aus den Zwanzigerjahren. Sie sind aus echtem Gold gefertigt und mit Granatsteinchen und Perlen bestückt. Dieses Duo gehört zu den ersten Schmuckstücken, die sich Marie geleistet hat. Sie kaufte sie in Hamm, einer kleinen Stadt nördlich von Dortmund, auf einem Antikmarkt einer älteren Dame ab, die dort ihren eigenen Schmuck verkaufte. Damals begann Maries Liebe zu altem Schmuck gerade erst aufzukeimen.

Marie wollte an an diesem Tag irgendetwas kaufen. Sie fand nichts anderes, das ihr gefallen hätte, als diese Ohrringe. Sie trug sie dann auch, bis sie eines Tages auf einem Flohmarkt über andere Ohrringe stolperte und sich diese ansteckte. Bei diesem Manöver gingen plötzlich die anderen Ohrringe verloren. Marie glaubte sie lange Zeit verloren. Doch eines Tages fand sie sie in ihrem Auto wieder.

Diese Ohrringe waren das erste Stück, für das Marie mehr Geld als bis anhin üblich ausgegeben hatte. Sie war sonst eher eine Schnäppchenjägerin. Dies mag vielleicht auch ein Grund dafür sein, dass ihr der Gedanke weh tut, sie eines Tages tatsächlich zu verkaufen und das Geld zum Beispiel für die Miete ausgeben zu müssen. Deshalb hofft sie jedes Mal, wenn sich jemand für die Ohrringe interessiert, dass sich diese Person gegen den Kauf entscheidet.

Obwohl die Notwendigkeit, Geld zu verdienen, eben auch im Raum steht, möchte Marie solche Liebhaberstücke im Grunde lieber nur als Hingucker im Laden haben. Dieselbe Hoffnung hatte sie auch für einen lieb gewonnenen, aussergewöhnlichen Armreif, der aus Silber gefertigt und mit einer grossen Taube verziert war. Doch eines Tages schneite eine junge Frau in den Laden, die genau diesen Armreif unbedingt haben wollte. Sie liess nicht locker, besuchte Marie eine Woche lang jeden Tag, bis diese schliesslich nachgab und ihr den Armreif verkaufte. Marie hofft nun, dass diese junge Frau den Armreif immer noch trägt und sich an sie erinnert.

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Diese Kette ist aus schwarzem, so genanntem französischen Glas (Jet) gefertigt und mit Strass-Steinen besetzt. Marie datiert sie auf die Dreissigerjahre zurück. Sie gab für dieses Stück auf einem Flohmarkt in Münster relativ viel Geld aus. Es war das einzige Stück, das sie an diesem Tag fand. Doch sie hat sie danach nie getragen, da es nie einen Anlass gab, an dem sie diese Kette hätte tragen wollen. Deswegen würde sie sich wohl leichter von ihr trennen können als von den beiden Ohrringen.

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Vor einem Jahr kaufte Marie einer Freundin für wenig Geld dieses zierliche, mit handbemalten Perlen bestückte Armband ab. Sie war zunächst ahnungslos und hätte es beinahe einem interessierten Ehepaar für zehn Euro verkauft. Diese wollten es sich jedoch noch einmal überlegen. In der Zwischenzeit bekam Marie Besuch von einer Freundin, die Goldschmiedin ist. Diese klärte Marie auf, dass das Armband aus echtem Gold (585) gefertigt ist. Die beiden Interessenten kamen wieder und waren ziemlich enttäuscht über die plötzliche Preiserhöhung. Sie kauften das Stück dann doch nicht.

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Vor ungefähr zwanzig Jahren wühlte Marie auf einem Antikmarkt in einer dreckigen Kiste voller Gerümpel und entdeckte einen aus Silberfäden bestehenden und von Hand vernähten Gürtel. Ein Antiquitätenhändler erklärte ihr, dass um 1900 herum solche Gürtel gerne getragen wurden. Marie säuberte das total verschmutzte, edle Stück mit Bicarbonat und Alupapier.

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Obwohl Marie selber keine besondere Affinität zu Broschen hat, ersteigerte sie dieses Stück vor fünf Jahren im Internet. Die ungewöhnliche Machart hat sie angesprochen. Zweimal hat sie die Brosche auf besonderen Anlässen verwendet, um ein Jäckchen zuzumachen. Sie wurde auch tatsächlich darauf angesprochen, unter anderem von einer Freundin, die selber keinen Schmuck trägt, aber von diesen grünen Perlen und dem Silberverschluss fasziniert war. Dieses alte Art-Deko-Schmuckstück stammt laut Marie aus den Dreissiger- oder Vierzigerjahren.

*** ende ***

Ich danke Marie für die anregenden Gespräche in ihrem kleinen, gemütlichen Laden und Ihre Bereitschaft, näheren Einblick in ihr Leben zu gewähren.

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© Text und Fotos: Barbara Sorino

 

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