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Musik ist sein Leben

Michael Wespi ist jung und hat einen mutigen Beruf. Er lebt für und von der Musik, die ihn schon als Schuljunge brennend interessiert hat.

Nach der Schule wollte Michael zuerst eine Lehre absolvieren, damit er eine solide Grundausbildung hat. Sein Vater arbeitete in der Informatik und Michael nahm an, dass diese Branche auch für ihn das Richtige sein würde. Doch während der Informatiklehre bei Siemens merkte er schnell, dass ihm dieses Business nicht liegt. Es „zog ihm nicht den Ärmel rein“. Zwar faszinierten ihn Gadgets und die Technik. Dieses Interesse reichte aber gerade aus, um die Lehre mit knappen Noten abzuschliessen.

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Im Grunde war immer schon klar, was Michael wollte. Sein Herz brannte bereits für die Musik, als er noch die Schulbank drückte. Er musste nie überlegen, womit er seine Freizeit füllt. Musik gehörte zu seinem Alltag wie essen oder Zähne putzen. Auch während der Lehre machte er viel Musik. Er bemühte sich um einen 50%-Job im Anschluss an die Lehre. In den darauffolgenden zwei Jahren arbeitete er von früh morgens bis Mittag und frönte am Nachmittag seinem Hobby. Er wollte herausfinden, ob er seine Leidenschaft für Musik tatsächlich zum Beruf machen will.

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Michael probierte völlig planlos und ohne finanziellen Druck alles aus. Er schrieb Lieder, spielte Gitarre, produzierte seine erste CD und fing an Konzerte zu spielen. Diese Zeit bezeichnet er als Selbstfindungsprozess, bei dem ihm Schritt für Schritt klar wurde, was ihm am meisten Freude bereitet. Er sah sich als Singer-Songwriter und wollte Konzerte spielen. Und er entdeckte die Vorzüge der Selbstständigkeit. Michael fühlte sich nämlich nie wohl in den Strukturen und Hierarchien einer grossen Firma. Die Freiheit lockte ihn. Er wollte sein eigener Chef sein. Inzwischen gibt es für Michael keinen anderen Weg mehr als die Musik. Er wüsste nicht, was er sonst noch arbeiten könnte.

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Michael – inzwischen 20 Jahre alt – hatte keine Lust auf eine Jazz-Schule oder ein Studium. Damals begann sich der Weg über ein Musikstudium in der Schweiz erst langsam zu etablieren. Heute – fünf Jahre später – gibt es immer mehr Popschulen und Künstlerkurse. An verschiedenen Schweizer Fachhochschulen (z.B. an der zhdk in Zürich) kann man Musiker/in¹ studieren. Michael hingegen fing einfach mal an. Er hatte keine Ahnung von Selbständigkeit. Er redete sich ein, es werde schon klappen. Was es auch tat. Aber die Herausforderungen stellten sich ihm trotzdem. Rückblickend hatte seine Naivität etwas Gutes. Denn, wer weiss, ob er diesen Weg gegangen wäre, wenn ihm alle Konsequenzen im Vorfeld bewusst gewesen wären.

Ausbildungen und akademische Grade bekommen einen immer grösseren Stellenwert. Auch in der Musikwelt. Michael zweifelt nicht daran, dass ein Studium eine gute Vorbereitung bietet. In seinen Augen kann dadurch die Individualität leiden. Die Wahl der Musikrichtung und der Aspekt des Erfolges stehen zu stark im Vordergrund. Musik bedeutet Entertainment. Michael aber macht Musik, weil er Menschen etwas zurückgeben und ihnen eine Freude machen will. Die Gefahr ist gross, dass man sich als Musiker zu sehr auf sich selber und den Vorsprung zur Konkurrenz konzentriert. Mit dem heutigen Wirtschaftsverständnis reicht es eben nicht mehr, einfach nur ein Geschäft am Laufen zu halten. Es geht vielmehr um die Steigerung der Erfolgsfaktoren.

Molton, Saison 2012/13, 13.12.2012, Michael Wespi

Auch Castingshows gegenüber ist Michael kritisch eingestellt. Die Taktik, möglichst schnell möglichst berühmt zu werden, macht vieles kaputt bei Musikschaffenden und Konsumenten. Die Qualität leidet und der Weg zum Erfolg verliert seine Natürlichkeit.

Michael erlebt die Musik vielmehr als Marathon. Insbesondere wenn man davon auch leben will. Es geht darum, sich langfristig eine Existenz aufzubauen. Schnell einen Hit zu landen, ist nicht so einfach. Man muss stattdessen viel in die Qualität investieren, stetig besser und dabei authentisch bleiben. Man sollte nicht das machen, was am meisten Erfolg verspricht, sondern das, was einem wichtig ist.

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Angesichts seines jugendlichen Alters klingen Michaels Worte ungewöhnlich. Sein Leitstern ist seine Motivation, warum er überhaupt Musik machen will. Im Grunde seines Herzens möchte er Menschen zum Nachdenken bringen. Es beflügelt ihn, wenn er auf der Bühne steht und in die vielen Gesichter blickt, die alle für sich eine eigene Geschichte mitbringen. Alle diese Leute versammeln sich in einem Raum und schenken ihm und seiner Band Zeit. Lachend meint er, dass er sich eigentlich in grossen Menschenmengen nicht wohl fühlt – ausser wenn er auf der Bühne steht. Das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird, bewirkt in ihm ein grosses Verantwortungsgefühl.

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Zeit betrachtet Michael in der heutigen Welt als die stärkste Währung. Erst recht in der Unterhaltungsbranche, in der Individualismus, Wirkung nach aussen und Geld nicht selten im Vordergrund stehen. Er betrachtet es als Privileg, wenn ihm Menschen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Doch genau das falle vor allem jungen Menschen immer schwerer. Der Fluch der Technik wird Michael so richtig bewusst, wenn Jugendliche im Kino simsen oder wenn Konzertbesucher gleichzeitig zuhören und mit ihren Handys filmen. Umso mehr geniesst er die raren Momente, wenn das Publikum alles rundherum zu vergessen scheint und einfach nur zuhört. Das ist schwierig zu erreichen. Man muss das Publikum dahin führen, zum Beispiel durch gezielt platzierte, ruhige Songs mit integrierten Pausen. Michael weiss, dass er mehr bieten muss als blosse Unterhaltung. Es braucht auch eine gute Portion Inspiration. Darin sieht Michael seine Bringschuld für die geschenkte Zeit.

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Als Kind der Social-media-Generation nutzt Michael natürlich ebenfalls die technischen Errungenschaften und Hilfsmittel. Die neueste CD hat er mit Hilfe des Crowdfunding²  finanziert. Zwar möchte er diese Erfahrung nicht missen, aber er würde es nicht mehr machen. Das Geld wird auf diese Weise nur umgelagert. Man ist den Investoren über einen gewissen Zeitraum etwas schuldig. Michael aber macht nicht gerne Schulden. Ausserdem müssen Abweichungen vom ursprünglichen Plan gerechtfertigt werden. Das wiederum schränkt die künstlerische Freiheit ein. Am ehesten vermutet Michael eine sinnvolle Wertschöpfung des Crowdfundings ab einer Investitionssumme von 50‘000,- Franken.

Nachdem Michael vor zwei Jahren den Schritt in die Selbständigkeit gewagt, den Job an den Nagel gehängt und sich voll auf die Musik konzentriert hat, muss er sich täglich unterschiedlichen Herausforderungen stellen. Auch finanziell. Wenn er eine Zeit lang weniger Konzerte gibt und deshalb weniger Geld aufs Konto fliesst, stellt sich ihm schon die Frage, wie er die Rechnungen bezahlen soll. Michael weiss, dass er noch nicht dort ist, wo er sein will. Er befindet sich im Aufbau seiner Karriere. Und das braucht eben Zeit. Die Zeit, die nötig ist, meint er, sollte man sich eingestehen. Man muss durchhalten und nicht bei den ersten Hindernissen abspringen.

Molton, Saison 2012/13, 13.12.2012, Michael Wespi

Dieser tägliche Balanceakt hat Michael nicht davon abgehalten, sich selber bei der Produktion der zweiten CD treu zu bleiben. Auf seiner ersten CD mit Pop-Rock-Songs seien viel Hall und viele Instrumente zu hören. Die zweite CD hingegen sei roher, echter und mit Fehlern bestückt – bewusste menschliche Imperfektion, die suggerieren soll, die Band stehe im Studio und spiele einfach drauflos.

Michael möchte sich selber in der Musik finden und immer wieder Neues ausprobieren. Er macht sich viele Gedanken und ist alles andere als statisch. Auch musikalisch möchte er sich weiterentwickeln. Daraus folgt, dass alle noch folgenden Alben mit Sicherheit anders klingen werden als die bisherigen. Michael möchte ausserdem in zehn Jahren noch mehr Konzerte und vor grösserem Publikum spielen. Im Vergleich zur Informatik erhält er hier nämlich unmittelbar Antwort und die Menschen öffnen sich.

Molton, Saison 2012/13, 13.12.2012, Michael Wespi

Eine starke Verbundenheit mit der Musik schützt Michael vor ablehnenden Reaktionen, die das knallharte Unterhaltungsbusiness eben auch mit sich bringt. Je professioneller, desto unberechenbarer. Michael musste lernen, damit umzugehen. Mittlerweile habe er eine gesunde Distanz zu Kritikern gefunden. Er differenziert zwischen sich als Mensch und dem Musiker. Negative Berichte haben nicht direkt mit ihm als Mensch zu tun und treffen ihn nicht in seiner Identität. Viele Musiker hätten genau damit Probleme, insbesondere Frontleute in einer Band und Sänger. Wahrscheinlich kommen in diesen Kreisen häufig Drogen und Alkohol ins Spiel, um besser damit klarzukommen. Wenn von 20 Konzertbesuchern eine Person unzufrieden ist, dann sollte man es relativieren. Michael versucht dann, mit den guten Reaktionen mitzuschwingen.

Anders als im Sport ist Musik nicht messbar. Während der schnellere oder stärkere Sportler gewinnt, spielen in der Musik verschiedene Faktoren zusammen. Das macht es emotional nicht einfacher, sich Schwächen einzugestehen. Ausserdem ist Bühnenpräsenz anspruchsvoll. Singen, spielen und die Band koordinieren – alles gleichzeitig. Genau da setzt Michael`s langfristiges Denken an. Er ist überzeugt, dass sich am Ende die Qualität durchsetzen wird, an der er feilt. Das sei er dem Publikum schuldig für die Aufmerksamkeit, die es ihm schenkt.

**** ende ****

 

PS: Ich bin vor einigen Jahren in einer Zeitschrift über einen Kurzbericht gestolpert, der Michael Wespi als spannenden Newcomer in der Schweizer Musikszene bezeichnete. Mein Interesse war geweckt und die CD schnell gekauft. Letztes Jahr stolperte ich erneut über Michael, dieses Mal auf der Crowdfunding-Plattform http://www.wemakeit.ch. Ich beteiligte mich an dieser für mich noch neuen, ungewohnten Finanzierungsmethode. Es war spannend, über die Entstehung seiner neuen CD auf dem Laufenden gehalten zu werden. Irgendwann im letzten Frühjahr flatterte die neue CD in meinen Briefkasten. Spätestens da war klar, dass ich in meinem Blog über Michael und seinen mutigen Schritt ins Musikbusiness schreiben möchte.

Ich wünsche Michael den Erfolg, den er sich selber wünscht, und bedanke mich vielmals für das spannende Interview am 14.9.2013 in einem Cafè in Bassersdorf.

Text und Porträtfoto: Barbara Sorino

Fotos im Text: Michael Wespi ©

Website von Michael Wespi: http://www.michaelwespi.com/

¹ Informationen zum Bachelor of Arts  (FH) in Musik: http://www.berufsberatung.ch/dyn/6036.aspx?id=7421&searchsubmit=true&id_zihlmann=20

² Definition Wikipedia: „Crowdfunding (…) oder seltener Schwarmfinanzierung ist eine Art der Finanzierung. Mit dieser Methode der Geldbeschaffung lassen sich Projekte, Produkte, die Umsetzung von Geschäftsideen und vieles andere mit Eigenkapital, zumeist in Form von stillen Beteiligungen, versorgen. Eine so finanzierte Unternehmung und ihr Ablauf werden auch als eine Aktion bezeichnet. Ihre Kapitalgeber sind eine Vielzahl von Personen – in aller Regel bestehend aus Internetnutzern, da zum Crowdfunding meist im World Wide Web aufgerufen wird.

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