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Venez mes Gazelles

Der Ruf der Händler in den Souks von Marrakesch hallte in Silvia`s Ohren wider, als sie den Namen „Les Gazelles“ für ihren neuen Laden auswählte. Wer in Winterthur-Veltheim einkaufen geht oder den samstäglichen Markt besucht, läuft früher oder später an ihrem schmucken Werkstattladen vorbei.

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Die beiden Schaufenster sind mit so viel Liebe zum Detail dekoriert, dass man unweigerlich die Nase an die Scheiben drückt, um einen Blick ins Innere zu werfen. Da steht oder hängt allerlei „Schönes aus der Zeit“: alte Tische, Sessel, Schemel, Kissen, Lampen, Stoffe, Geschirr, Fotos, Spiegel, Brillen, Uhren, Vasen, Spielzeug, Schaukelpferde, Waschschüsseln, Giesskannen, Blechdosen und vieles mehr. Weil Ostern ist, staunt man derzeit ausserdem über Osterhasen aus Pappkarton, Hühnerfamilien aus Blech und kunstvoll gearbeitete Ostereier.

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Dieser charmante Vintage-Laden verzückt. 80 Prozent der Kundschaft sind Frauen. Doch auch Männer finden den Weg ins Ladeninnere und lassen durchaus mal ihrer Begeisterung für einen alten Gegenstand freien Lauf. Wahrscheinlich ist es die Geschichte hinter den Gegenständen, die sich wie ein zarter, unsichtbarer Schleier über alles legt und neugierig macht. Bereits als Teenager war Silvia verliebt in geschichtsträchtige alte Sachen. In Brockenhäusern fühlte sie sich zu Hause.

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Vor 100 Jahren gab es nur bestimmte Materialien wie Holz, Papier oder Metall. Inzwischen haben alle Arten von Kunststoff Eingang in unseren Alltag gefunden. Auch dafür interessiert sich Silvia. Sie hat sich in jungen Jahren weiche, glänzende Knautschlackstiefel gekauft. Das kam zu Hause gar nicht gut an, denn Qualität stand ganz oben auf der Werteskala. Ihr Vater war Handmaschinensticker und fertigte hochwertige Kragenspiegel für Schweizer Offiziere. An diesen konnte man die jeweilige Waffengattung ablesen. Kurzerhand tauschte ihre Mutter die Kunststoffstiefel in sündhaft teure Lammfellstiefel um. Obwohl Silvia diese grauenhaft fand, wurde sie durch das Qualitätsbewusstsein ihrer Eltern doch nachhaltig geprägt. Niemals würde sie heute in ihrem Laden minderwertige Ware verkaufen.

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Als Kind hat Silvia gerne gebastelt und als Jugendliche hat sie mit Vorliebe genäht. Dann aber lief einige Jahre nichts mehr in diese Richtung. Sie absolvierte eine Lehre als Schuhverkäuferin und arbeitete schon kurz nach Lehrabschluss mehrere Jahre lang als Geschäftsführerin eines Schuhladens. Während dieser Zeit besuchte sie eine Abend-Handelsschule und fand eine Stelle im Personalbereich eines Schuhhandelsunternehmens. Dann entschloss sie sich für eine Weiterbildung zur diplomierten Erwachsenenbildnerin. Parallel dazu behauptete sie sich sieben Jahre als EDV-Instruktorin in einer Männerwelt, die ihr aber auf Dauer nicht wirklich behagte. Sie kehrte wieder zurück in den kaufmännischen Bereich und arbeitete zehn Jahre als HR-Leiterin. Seit 2003 ist sie in einer Jugendmusikschule kaufmännische Schulleiterin und zuständig für die gesamte Administration, EDV und Öffentlichkeitsarbeit. Diese Funktion wurde als Teilzeitstelle konzipiert. Die Bewältigung der anfallenden Arbeiten ist nur möglich dank eines eingespielten Sekretariatsteams und ihrer Effizienz in der Arbeitserledigung.

Nach der Übernahme der Teilzeitstelle hatte sie endlich wieder Zeit und Musse herauszufinden, was sie will. Und plötzlich war sie wieder da: die Lust etwas Kreatives zu erschaffen! In einer Auseinandersetzung mit ihrem Partner Ivo, bei der sie ihre Gedanken zu erläutern versuchte, wurde ihr schlagartig bewusst, dass es sich um ein existentielles Bedürfnis handelt. So begann sie wieder zu nähen und verliebte sich in alte Stoffe. Silvia stöberte in Brockenhäusern und auf Flohmärkten, bis die Waschküche überquoll und die Platznot akut wurde. Die Zeit war reif für eine Werkstatt.

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In der Grüze fand Silvia schliesslich einen kleinen, schlecht beleuchteten Kellerraum ohne WC. Ihr Partner unterstützte sie in ihrem Vorhaben und half ihr dabei, den Raum arbeitstauglich zu machen. Zu diesem Zeitpunkt dachte Silvia noch nicht daran, die Sachen weiterzuverkaufen. Da war einzig die Vision in ihr, zu werken und etwas zu erschaffen. Das hat ihr in jeder Hinsicht unendlich gut getan – Herz, Seele und Geist waren im Einklang.

Mit der Zeit lud sie öfters mal Freunde zum Kaffee in ihren Werkraum ein. Diese waren begeistert. Ganz besonders ihre beste Freundin. Mit ihr zusammen entstand die Idee, den nächsten Schritt zu wagen und eine grössere Werkstatt zu suchen. An der Neuwiesenstrasse wurden sie fündig. Immerhin hatten sie nun 50 Quadratmeter Platz und ein WC. In dieser Zeit eignete sich Silvia ihr handwerkliches Wissen autodidaktisch an. Sie hat einfach ausprobiert und Fehler gemacht. Gleichzeitig waren da aber auch ihre hohen ästhetischen Ansprüche. Um den Lernprozess etwas zu beschleunigen und um einige Fehler gar nicht erst machen zu müssen, besuchte sie Kurse, unter anderem einen Polsterei-Kurs im Schulungszentrum des Freilichtmuseums Ballenberg und mehrere Möbel-Restaurationskurse in Graz. Bis zum Tod eines guten Freundes arbeitete sie regelmässig in seiner Schreinerei und bearbeitete mit ihm zusammen spezielle Stücke. Zwei Mal im Jahr holt sie sich ausserdem Know-how bei einem Buchbinder. Nichtsdestotrotz bleiben ihr Fehler nicht erspart und die Praxis ist und bleibt ihre wichtigste Lehrmeisterin.

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Nach zwei Jahren in der gemeinsamen Werkstatt reifte in Silvia der Wunsch nach einem richtigen Laden heran. Eines Tages stellte sie eine Staffelei mit Öffnungszeiten auf die Strasse. Ihre Freundin wollte diesen Schritt nicht unbedingt mitmachen. Zur selben Zeit wurde ihnen der Mietvertrag wider Erwarten gekündigt. Sie liessen sich rechtlich beraten, was sich auszahlte. Ihre Hälfte der Entschädigungszahlung, die ihnen gewährt wurde, wollte Silvia in einen neuen Laden stecken.

Die Suche nach einer Lokalität verlief nicht ganz so einfach. Es durfte ja nicht viel kosten. Silvia weiss bis heute nicht, weshalb sie unter den vielen Interessenten von der Kirchgemeinde Veltheim den Zuschlag für diesen wunderbaren Laden an der Feldstrasse 4 erhalten hat. Gut möglich, dass ihre speziell gestaltete Bewerbung und ein Besuch des Vermieters in der alten Werkstatt einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet haben.

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Anfang Mai 2007 zügelte der Edeltrödelladen „Les Gazelles“ von der Neuwiesenstrasse nach Veltheim und feierte am 5. Mai 2007 seine Eröffnung. Silvia war beflügelt. Damals – so erzählen es ihre Kunden heute – war der Laden noch um einiges leerer. Das entspricht im Grunde Silvia`s Geschmack. Aber über die letzten fünf Jahre ist das Sortiment vielfältiger und bunter geworden. Sivia sucht heute noch jedes Stück selber aus und würde niemals etwas in ihren Laden stellen, von dessen Wert sie nicht überzeugt ist. Das spüren ihre Kunden. Inzwischen bringen Leute ihre geliebten alten Sachen vorbei und wollen sie verkaufen, weil sie wissen, dass deren Geschichte hier auf gute Art und Weise weitergeht.

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Neben den Antiquitäten und dem Edeltrödel, die den Grossteil des Ladensortiments ausmachen, verkauft Silvia auch Selbstgemachtes. Im Moment vertieft sie sich in die Verarbeitung alter Dokumente. Aus Buchseiten, Notenpapier, Landkarten oder Illustrationen fertigt sie Karten, magnetische Pinboards und Buchzeichen oder Taschenspiegel. Silvia hat auch einen Faible für alle Arten von Stempeln, die sie ihren neu erschaffenen Produkten aufdrückt und ihnen dadurch frische Farbtupfer verleiht.

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Aus dem Hobby wurde Arbeit, die sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Vieles verdankt Silvia den Handwerkerqualitäten ihres Partners, der sie tatkräftig unterstützt. Die beiden opfern auch ihre Sonntage für die Herstellung der selbst gemachten Produkte. Es gibt Zeiten, da hadert Silvia damit, dass ihre Woche sieben Arbeitstage und keine freien Tage hat. Insbesondere um Weihnachten herum, wenn sich ihre Kunden die Klinke in die Hand geben. Dann ist Silvia schon manches Mal zum Jammern zumute. Sobald aber der Rummel wieder etwas nachlässt und sie in Ruhe einen ganzen Tag in ihrem Laden werken kann, dann ist ihr Glück perfekt.

Der Erlös aus ihrem Laden fliesst direkt in Silvia`s Reisekasse. Sie liebt Städtereisen und reist gerne alleine. Zum Beispiel nach New York, Kopenhagen oder Marseilles. Dort holt sie sich auf Flohmärkten, in der Antiquitätenszene und in verschiedensten Läden Inspirationen und neue Ideen. Natürlich kauft sie auch immer kräftig ein. Wenn sie mit ihrem Partner verreist, dann suchen sie sich bewusst abgelegene Reiseziele aus, wo wenig bis gar nichts los ist. Nur an solchen Orte gelingt es Silvia loszulassen und auch mal nichts zu tun.

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Silvia kann wohl ohne ihre Werkstatt nicht leben. Sie ist ihr mindestens so wichtig wie das gemütliche Wohnzimmer zu Hause. Auf meine Frage, welche Gedanken sie sich im Vorfeld über Hindernisse gemacht habe, antwortet sie: „Ich wollte es probieren und einfach so lange vorwärts gehen, bis ich auf wirklich unüberwindbare Hindernisse stosse!“ Doch bislang gab es für alle Schwierigkeiten auch Lösungen. Wenn sie ihren Laden eines Tages doch schliessen müsste – aus welchen Gründen auch immer – dann würde sie zwangsläufig einen anderen Weg suchen, um weiterhin etwas erschaffen zu können.

*** ende ***

P.S.: Wenn ich an „Les Gazelles“ vorbei gehe, werfe ich automatisch einen Blick ins Schaufenster. Jedes Mal entdecke ich mindestens fünf Dinge, die ich am liebsten sofort kaufen würde. Zu Hause stehen und hängen schon einige von Silvia`s Schätzen: ein alter Lehnstuhl, auf dem ich nun meine Bloggeschichten schreibe, ein marokkanisches Tischchen, ein mit altem Stoff bezogenes Pinboard, Magnete aus allem möglichen Krimskrams, bestickte Stoffservietten, Blumenständer und Stühle im Esszimmer. Diese Gegenstände erinnern mich tagtäglich daran, wie alte Dinge zu neuem Leben erweckt werden können. Und die wichtigste Botschaft überhaupt: wenn wirkliche Passion im Spiel ist, dann gibt es selten unüberwindbare Hindernisse. Die meisten lösen sich irgendwie in Luft auf – und manchmal fragt man sich, wie das möglich war.

Ich danke Silvia Brunner für das Interview am 16. März 2013 in ihrem gemütlichen Laden.

Text und Fotos: Barbara Sorino

Link: www.lesgazelles.ch

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