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Leben ist einfach

Über Willi könnte man einen dicken Roman schreiben. Er selber reduziert sein spannendes Leben auf den Satz „Ich wurde geboren und starb wieder“. Aber ganz so einfach war`s dann doch wieder nicht.

Willi hört auch auf die Namen Heubi, Heu, Heuwilli, Will oder Rülps. Das verbindende Element ist wohl seine Eigenwilligkeit, mit der er sich den Ruf eines Spinners eingehandelt hat – allerdings eines liebenswürdigen und lebensfrohen, dem man seine schrägen Aktionen unmöglich übel nehmen kann.

Die kurvenreiche und teils abgründige Landstrasse von St. Gallen nach Untereggen hat auffallende Ähnlichkeiten mit Willi`s Lebensweg. So wie sich diese Strasse runter ins Tobel und am Hang entlang windet, scheute er keine Tiefen und Umwege, um möglichst viele seiner Talente auszuleben. Und bei allem, was er in Angriff nahm, brachte er es bis zur Meisterschaft – zum Beispiel zum Weltmeister im Bogenschiessen. Aber beginnen wir doch am Anfang, als Klein-Willi phantasietrunken durch die Welt flog…

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Der Traum vom Fliegen

Willi wäre am liebsten in die Luft. Er wollte fliegen. Wenn er als Kind im Gras liegend den Bussarden zuschaute, war er selig und überlegte, wie es es ihnen gleich machen könnte.

Alles, was nach Abenteuer roch, zog ihn magisch an. So auch die Jungs im Dorf, die er wegen ihrer Grösse und Kraft vergötterte. Einer dieser Buben brach sich beim Schifahren das Bein. Sein Vater wollte daraufhin die Schier loswerden und versprach sie demjenigen, der ohne Sturz einen verschneiten Hang hinunterfahren konnte. Willi stellte sich als einziger dieser Herausforderung, trotz Telefonmasten, Weiher und steilem Tobel am Rand des Hanges. Zur Verblüffung aller legte er eine fehlerfreie Fahrt hin. Zum ersten Mal erlebte er den betörenden Rausch der Geschwindigkeit und seine grenzenlose Phantasie liess ihn glauben, er würde fliegen.

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Die Kraft der Neugier

Eines Tages landete ein Militärhelikopter in der Nähe seines Elternhauses. Statt zur Schule ging Willi zu dem eigenartigen Flugobjekt ohne Flügel. Er stellte einen Haufen Fragen und durfte sich in den Helikopter setzen. Prompt kam er zu spät zum Unterricht. Als er rief: „Ich weiss, wie ein Helikopter funktioniert!“, verbannte ihn die Lehrerin in eine Ecke und liess ihn für den Rest der Stunde schreiben, er werde nie Pilot. Seine Flausen konnte sie ihm damit aber keineswegs austreiben.

Alles, was Willi an Literatur übers Fliegen finden konnte, sog er ein wie ein Schwamm. Mit seinem schwer verdienten Taschengeld kaufte er sich einen Modellbaukasten. Ein Lehrer, dem er davon erzählte, staunte nicht schlecht, da er genau denselben Bausatz mit seinem Sohn zusammenbaute. Der kleine Willi imponierte ihm mit seinem Wissen über die V-Form der Flügel und wie deren Winkel die Stabilität im Flug bestimmen. Das bescherte ihm Spezialaufgaben, die ihm ein wenig die Bahn ebneten, zu der er sich hingezogen fühlte.

Über Umwege zum ersten Ziel

Sein Berufsberater versuchte, ihm seine Fliegerträume auszureden und stattdessen den Schreinerberuf schmackhaft zu machen. Vom ersten Tag an erlebte Willi diese Lehre wie den „Weg zum Schafott“. Die verschiedenen Hölzer faszinierten ihn, aber am Arbeitsort fühlte er sich wie im falschen Film.

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Eines Tages entdeckte er in einem Schaukasten die Ankündigungen einer Modellfluggruppe. Es dauerte nicht lange und Willi nahm an Wettbewerben teil. Während er sein Flugzeug ohne Fernsteuerung möglichst lange in der Luft zu halten versuchte, spürte er die Thermik, beobachtete die Vögel und erinnerte sich plötzlich wieder an die Bussarde über seinem Elternhaus.

Wenig später stolperte er in einer Ausgabe der „Aero-Revue Schweiz“ über ein Inserat, in dem Militärpilotenanwärter gesucht wurden. Willi kassierte eine Absage, weil bei der Matheprüfung der Provokateur mit ihm durchging. Er stellte die freche Frage, wofür Piloten denn Brunnenröhrenrechnungen bräuchten?

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Kurz darauf meldete sich Willi in der Fliegerschule Grenchen an, um eine Woche lang in das Leben eines Piloten einzutauchen. Nachts schlief er im Hangar und tagsüber begeisterte er die Fluglehrer mit seinem handwerklichen Geschick. Zum Dank wurde ihm ein erster Alleinflug angeboten. Willi blieb noch eine Weile ohne Wissen seiner Eltern und des Lehrmeisters und legte das Flug-Brevier ab. Er bestand als einziger Schweizer.

An einem wunderschönen Tag hatte Willi Lust auf etwas Verrücktes und bat um ein Hochleistungsflugzeug. Er musste dafür eine Einführung im Kunstflug absolvieren. In der Luft stellte sein Fluglehrer das Flugzeug plötzlich auf den Kopf und verriegelte die Haube. Im Sturzflug erinnerte sich Willi an ein Buch und wie man aus dieser Strömung wieder herauskommen konnte. Er brachte das Flugzeug tatsächlich zurück auf den Boden und fiel vor den Experten in Ohnmacht. Damit war für Willi die Fliegerei gegessen. Er erkannte, dass er lieber die Bewegung eines Flugzeuges von aussen betrachtete als drinnen zu sitzen. Die antriebslose Bewegung ohne Motor war das, was ihn eigentlich interessierte.

Segel setzen

Familie Heuberger wohnte damals am Zürichsee. Boote waren allgegenwärtig. Willi`s Gespür für Wind und Wellen war unübersehbar. Immer mehr Bootsbesitzer schätzten seine handwerklichen Fähigkeiten beim Renovieren ihrer Boote. Einmal machte er eine Einmannjole einer Bekannten fit für den Frühling und durfte damit eine Ausfahrt machen. Heute noch hat Willi den geliebten Geruch der Segel in der Nase – eine Mischung aus Baumwolle und Kunststoff. Ihn begeisterte das Zusammenspiel zwischen Wind, Wellen, Masten und Anstellwinkel des Segels zum Wind. Er lernte, indem er segelte.

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Dann lief ihm Max über den Weg. Dieser arbeitete in einer Werft am Zürichsee, wo man einen Bootsbauer suchte, der aus Zedernholz olympische Zweimannkielboote bauen konnte. Zum Vorstellungsgespräch nahm Willi nicht den Zug, sondern segelte geradewegs über den See. Er erntete Riesengelächter, als er seine Papiere aus der Tasche zog und die Tinte als blaue Sosse auf den Boden tropfte. Trotzdem wurde er für den Job auserkoren.

Als jemand für den Bau von Masten gesucht wurde, schlug sein Tüftlerherz höher. Willi war Feuer und Flamme und überlegte, wie man Bootsmasten mehr Stabilität verleihen könnte. Seine Ideen kamen bei den älteren Bootsbauern nicht gut an. Aber weil er bei jeder Feier mit seinem selbstgebauten Banjo für gute Stimmung sorgte, liess man ihn gewähren. Willi experimentierte mit neuen Klebetechniken und Kunststoffen. Er suchte nach der Harmonie zwischen Masten und Segeln und war fest davon überzeugt, dass man eine Regatta über dem Wasser gewinnt – sprich mit den richtigen Segeln.

Richtungswechsel

Bei seiner Arbeit in der Werft begegnete Willi einem Schweizer Segeltuchmacher. Dieser lockte ihn mit einem interessanten Jobangebot an den Bodensee. Sein Chef in der Bootswerft fiel aus allen Wolken und versuchte ihn davon abzuhalten. Doch Willi war fest entschlossen, das Segelhandwerk zu lernen. Es war eine harte Arbeit und sein Forscherdrang ging in den Routinearbeiten unter. Zudem kam er mit seinem neuen Chef immer wieder ins Gehege. „Es kommt nicht gut“, meint Willi rückblickend, „wenn man zum Konkurrenten des eigenen Chefs wird.“ An einer Regatta in Genf eskalierte der Streit, woraufhin Willi auch dieses Kapitel seines Berufslebens beendete.

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Seit einiger Zeit liebäugelte er ohnehin schon mit der uralten Geschichte des Pfeil und Bogen. Speziell angetan hatten es ihm die englischen Langbogen. Ähnlich wie bei der Fliegerei faszinierte Willi die Biegetechnik des Bogens und der Pfeil war in seinen Augen ein aerodynamisches Wunderwerk.

Vom Bogen in den Wald

In einem Bogen sind allerhöchste Kräfte am Werk. Dafür eignet sich das Eibenholz. Dieses königliche Bogenholz wuchs im Goldachtobel in grossen Mengen. Verwundert über dieses üppige Vorkommen klopfte Willi beim Forstamt in St. Gallen an. Dort verwies man ihn an Abt Huber in der Stiftsbibliothek. Dieser drückte ihm das dritte Buch König Salomons in die Hand, dessen Bogen aus schwarzem Palisanderholz darin genau beschrieben wird. Dieser Bogen hatte Ähnlichkeiten mit dem englischen Langbogen.

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Um 1550 genossen die Engländer Durchzugsrecht im Rheintal. Überall dort, wo sie sich aufhielten, gab es Eibenpfleger, Eibenschneider und Eibeneinkäufer, die ganze Schiffsladungen dieses Holzes abtransportieren liessen. Im Bauch der gesunkenen Lady Rose kann man heute noch das Ausmass dieser Massenabholzung erahnen.

Willi tauchte tief in die Materie ein und merkte bald, dass ihn der Bogen als Waffe nicht wirklich interessierte. Er wurde stattdessen auf den japanischen Bogen aufmerksam. Die Japaner standen den Engländern in Sachen kriegerischer Grausamkeit in keiner Weise nach. Doch Willi reizte die lebenslange Schulung in der japanischen Bogenkunst, die den Nimbus der Unerreichbarkeit in sich trug. Eugen Herrigels Buch „Zen in der Kunst des Bogenschiessens“ (1948) wurde für Willi eine Art Bibel.

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Kyūdō heisst übersetzt „Weg des Bogens“. Wenn er sich ganz intensiv mit dem Bogen auseinandersetzen würde, war Willi überzeugt, dann müsste er nicht nach Japan reisen, um einen Bogen bauen zu können. Dann käme das „do“ (der Weg) von selbst zu ihm. Mittlerweile ist Willi Meister im Bogenbau und hat nach nur einjährigem Training den Weltmeistertitel im Bogenschiessen erlangt.

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Ruf der Natur

Mit der Zeit zog es Willi wieder stärker nach draussen und sein Interesse für die Jagd erwachte. Trotz schlechter Erfahrungen seines Vaters mit der Aargauer Jagdgesellschaft, kaufte er sich einen grünen Mantel und einen Feldstecher und streifte damit im Schlosswald nahe Sevelen herum. Willi bemerkte, das viele Futterkrippen leer standen. Er erstellte einen Plan, zeichnete Standorte ein und kannte bald jedes Reh persönlich. Dieses Wissen steckte er in ein Kuvert und schickte es an die Jagdverwaltung St. Gallen. Im Begleitschreiben schilderte er seinen Werdegang, in dem die Jagd ganz gut reinpassen würde. Und wie es der Herrgott so will, fiel dieses Schreiben einem ranghohen Jagdkommissär in die Hände, der ihm das Prädikat „wertvoll“ verlieh.

Kurz darauf durfte Willi beim Jagdaufseher in Untereggen vorstellig werden. Dort sassen raue Leute mit dicken Bäuchen. Mit seiner aufgestellten Art gelang es ihm, deren Herzen im Sturm zu erobern. Aber ganz so einfach machten es ihm die Jäger nicht. Sie befürchteten, der Zugelaufene könnte ihnen den Platz streitig machen. Willi musste sich zuerst in einer Jagdprüfung beweisen. Er bestand auch diese – als bester aller Zeiten.

Weiter geht die Reise

Willi`s Abenteuerliste ist schier endlos. Er fabriziert heute neben den japanischen Bogen Schier aus verschiedensten Hölzern, gibt Kurse im Bogenschiessen, praktiziert ZEN-Meditation und verblüfft immer wieder Fachleute mit seinen Experimenten.

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Als Willi erstmals mit Karbon in Berührung kam, brach es ihm zuerst das Herz. So sehr hing er am Eibenholz als Grundmaterial für seine Bogen. Doch dann überkam ihn ein Rausch und er tüftelte tage- und nächtelang an neuen Klebetechniken. Eines Tages rief er direkt bei Ziba Geigy an und verlangte nach dem Chef der Klebeabteilung. Sie trafen sich und sein Gesprächspartner fiel aus allen Wolken, als er mit seinen Sonden die unheimlichen Kräfte in Willi`s Bogen mass.

Willi klopfte mit seinem Produkt in einer Firma in Zuchwil nahe Basel an. Die feinen Herren dachten, da käme ein Brückenbogenbauer. Als sie den Pfeilbogen sahen, brach schallendes Gelächter im Konferenzraum aus. Einer nach dem anderen verliess den Raum. Dr. G. Lindenberg blieb als einziger sitzen. Er erkannte sofort das Potential in Willi`s Arbeit und dessen Begabung als Tester. Seiner Meinung nach trifft man nicht einmal im Flugzeugbau auf solche gewaltigen Kräfte wie in Willi`s Bogen.

So kam es, dass er an der Universität bei Aviatikprofessor Ermani landete und Teil einer Abschlussarbeit über seine Bogen wurde. Willi konnte mit den theoretischen Berechnungen an der Tafel nicht viel anfangen. Er entwickelte seine Bogen auf empirische Art weiter, während die Studenten fleissig am PC rechneten. Als beide Lager wieder zusammen kamen, um die Ergebnisse auszutauschen, sass der Schock bei den Studenten tief. Willi`s Handarbeit war ihren Berechnungen bei weitem überlegen.

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Das Leben ist einfach und der Tod spannend

Willi ist überzeugt, wenn jemand tief in sich drinnen etwas spürt, dann sollte er es umsetzen. Er selber hat es in verschiedenen Bereichen bis zur Meisterschaft gebracht und glaubt zu wissen warum: „Ich kann der Beste sein in dem, was ich gerne tue. Und ich bin schlecht in dem, was ich nicht mag“.

So einfach ist das Leben in Willi`s Augen. Momentan hat er kein neues Projekt in der Pipeline. Aber den Tod betrachtet er durchaus als spannende Herausforderung – für einen ZEN-Praktiker nicht verwunderlich.

*** ende ***

PS: Im Sommer 2013 war Willi Heuberger im Rahmen einer Fortbildung für Berufs- und Laufbahnberater als Referent zum Thema „exotische Berufe“ eingeladen. Es gelang ihm, mich und alle anderen Zuhörer mit seinem mitgebrachten Langbogen und den Geschichten über sein aussergewöhnliches Berufsleben zu fesseln. Er hat uns gebeten, gegenüber jungen Menschen mit unrealistisch anmutenden Berufsvorstellungen vorsichtig zu sein. Denn er kennt aus eigener Erfahrung, wie Träume durch einen unbedachten, ablehnenden Kommentar in den hintersten Winkel verbannt werden. Willi weiss aber auch, dass sich solche Träume immer wieder einen Weg ins Leben bahnen. Die Begegnung mit ihm verleitet mich dazu, den Spruch „Wo ein Wille, da ein Weg“ umzuformulieren in „Wo der Willi, da ein Weg“.

Ich danke Willi Heuberger für das lebhafte Interview im Restaurant Mittlerhof am 22. November 2013 und die Fotosession in seiner Werkstatt in Untereggen.

www.heubibow.ch 

  1. Freue mich über Kommentare und hoffe, dass Willi’s Geschichte viele Leser dazu animiert, Ihren Herzensanliegen Raum und Zeit zu verschaffen.

    Barbara

    14. Dezember 2013
  2. Anonymous #

    super, ein ganz spannender Typ dieser Willi!
    vielen Dank Barbara
    lieber Gruss von Odette

    16. Dezember 2013
  3. leiboldm2013 #

    Ich bin komplett begeistert, von euch beiden :).
    Von Willis Werdegang und seiner Art zu sich zu stehen – und natürlich auch von deiner Kunst diese Lebensgeschichte so toll einzufangen.
    Es hat mir große Freude bereitet, diese Story lesen zu dürfen!
    Liebe Grüße Manuela

    17. Dezember 2013
  4. Nelly #

    Was für ein spannendes Leben!
    Sehr anschaulich geschrieben und mit tollen Fotos gespickt – ein Genuss.
    Liebe Grüsse
    Nelly

    18. Dezember 2013

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