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Mit den Wellen rollen

Als ich vor einem halben Jahr auf La Gomera angekommen bin, wunderte bin mich über meinen ersten Gedanken: Ach du meine Güte, was mache ich hier nur die kommenden 180 Tage? Heute ist mir klar, warum ich mich – damals unbewusst – für diesen abgeschiedenen Flecken auf der Landkarte entschieden habe: ich wollte mir näherkommen. Innere Prozesse sind in der Regel eine holprige Angelegenheit. Und so war auch meine Zeit auf den Kanaren streckenweise mühsam. Doch letztlich war es goldrichtig, für längere Zeit hierher zu kommen.

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La Gomera ist klein, hat eine bizarre und zerklüftete Topografie und bietet wenig Ablenkung. Kein Kino. Kein Theater. Kein quirliger Hauptbahnhof. Keine Menschentrauben vor irgendwelchen Sehenswürdigkeiten. Dafür aber eine einzigartige Natur, die aufgrund eines genügend feuchten Winters in verschiedensten Grüntönen leuchtet. Jetzt, im Frühjahr, blüht es an allen Ecken und Enden und es ziehen einem wohlriechende Düfte durch die Nase. Smog ist hier ein Fremdwort und der Nachthimmel hängt voller Sterne.

P1050595 Mandelblüte

Lilie Lilienblüte

0_Wolke1 Wolken und Wind spielen „Fang den Hut“

Die Natur hat mir viele „Aufs“ beschert. Mit Wanderschuhen und Rucksack konnte ich verschiedene Gegenden der Insel erkunden, in den märchenhaften Nebelwäldern lustwandeln, auf Höhenwegen staunend in die Tiefe und in die Weite schauen und durch wildromantische barrancos wandern. Inzwischen kenne ich fast jeden Winkel dieser Insel und fühle mich hier wie zu Hause.

ich mit MTB MTB-Tour im Garajonay-Nationalpark

Nebelwald3 Nebelwald

Neben der ungebrochenen Faszination, die La Gomera auf mich ausübt, lernte ich aber auch die anstrengende Seite des Insellebens kennen. Zum Einen fehlten, wie gesagt, die üblichen Ablenkungsmanöver und ich wurde tagtäglich auf mich selbst zurückgeworfen. Zum Anderen schlich sich rasch ein Gefühl des Immergleichen ein. Man traf zu bestimmten Tageszeiten immer dieselben Leute. Die Müllabfuhr und Rollkoffer ziehende Touristen weckten mich immer exakt zur selben Zeit. Das Meer, die Sonne und die Gezeiten folgten ihrem Rhythmus. Normalität und Langeweile machten sich breit. Der Blick zum Horizont und auf das fantastisch blaue Meer wurden selbstverständlich. Mein verklärt-verträumter Touristenblick wich einem klareren, auch Unannehmlichkeiten wahrnehmenden Blick. Ich sah plötzlich gewöhnungsbedürftige Dinge, wie zum Beispiel stark verschmutzte Waschmaschinen oder Kakerlakenkolonien, die fröhlich durch die Küche wuselten. Und ich musste mich an die lärmunempfindliche Lebensart der Gomeros gewöhnen. Diesen Zustand nutzten meine Schattenseiten schamlos aus. Sie benahmen sich wie Touristen, die frühmorgens „ihren“ Liegestuhl mit einem Handtuch markieren und damit signalisieren: Hallo, hier bin ich und bleibe den lieben langen Tag!

P1050538 stürmische Zeiten

Rückblickend fällt mir auf, dass mein Empfinden ähnlich beschaffen war wie das Wetter auf La Gomera. Es gab sonnige Tage, an denen sich alles wohlig warm und federleicht anfühlte. Und es gab stürmische Tage, an denen mir der Wind um die Seele pfiff und Regentropfen meine Gedanken trübten. Manchmal wechselte dieses Auf und Ab im Stundentakt.

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Regen und Sonne wechseln sich ab im Minutentakt

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Teilweise war mir, als ob ich – wie bei einer Übung im Shibashi – mit den Wellen rollte: eine Welle baut sich auf, rollt schäumend und schliesslich sich selbst überschlagend auf die Küste zu, fällt in sich zusammen, kracht auf den felsigen Strand, zieht sich schmollend zurück und vermischt sich mit der nächsten grossen Welle. Mit jeder Welle wurde etwas aus meiner Tiefe nach oben gespült und klatschte an die Oberfläche. Wegschauen war kaum möglich. So kaute ich alles brav durch und wartete auf die nächste Welle.

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Shibashi am Playa del inglès

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An manchen Tagen waren diese „Abs“ besonders ausgeprägt und mir schien, als ob ich mitten in einer Geburt stecken würde. Ich hatte genug und wollte nach Hause. Dann wurde mir aber plötzlich klar, dass man als „Gebärende“ nicht einfach so aus dem Kreissaal spazieren kann. So sehr gewisse Erkenntnisse weh tun, so gross ist die Freude, wenn sie auf der Welt sind und sie einen das erste Mal anlächeln. Das ist der Moment, wenn man etwas wirklich begriffen hat.

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Ein besonders rührendes Ereignis in diesem Zusammenhang war ein Taubenpaar, das im lila blühenden Baum vor meinem Schlafzimmer zwei Eier legte, diese in stoischer Ruhe ausbrütete, Wind und Wetter trotzend, und sich mit Engelsgeduld um ihre Jungen kümmerte, bis diese ihre Flügel ausbreiteten, sich stundenlang putzten und eines Tages das Nest verliessen. Die Natur ist eine geniale Lehrmeisterin!

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Ich möchte die anstrengenden Zeiten auf La Gomera nicht missen. Zu Hause hätte ich tausend Aktivitäten gefunden, mittels denen ich mich ablenken hätte können. So gesehen war es goldrichtig hierher zu kommen, um mein Inneres auszumisten. Natürlich stelle ich nach diesem halben Jahr einige frühere Alltäglichkeiten in Frage. So manches erscheint mir nicht mehr wichtig oder zumindest veränderungswürdig. Nun stellt sich mir die heikle Aufgabe zu überlegen, was ich beim Alten belassen und was ich in meinem zukünftigen Leben anders machen möchte. Der dritte, zeitlich offene Teil meiner Auszeit möchte ich dieser Herausforderung widmen.

Los Llanos3 Los Llanos, La Palma

Als „Zuckerl“ habe ich mir vor der Heimreise noch eine Woche auf der Nachbarinsel La Palma gegönnt. Es war Liebe auf den ersten Blick! Ich werde wiederkommen, denn eine Woche reicht nicht aus, um all die Herrlichkeiten auf der „Isla bonita“ zu entdecken. In einem separaten Blogeintrag habe ich ein paar Fotos von meinem Ausflug nach La Palma zusammengetragen.

*** ende ***

 © Text, Fotos und Video: Barbara Sorino

Anmerkung: Die Fotos mussten aus technischen Gründen stark verkleinert werden, wodurch die Qualität teilweise etwas leidet. Ich bitte um Verständnis.

  1. Eine Ausmistung war das Löschen des Tweetaccounts, richtig? Erst kürzlich habe ich dich mal wieder gesucht und da warst du auf einmal ganz weg.
    Ich kann es nachvollziehen. Würde ich eine Weile damit aufhören, würde ich vermutlich auch aussteigen wollen.
    So ein Time-Out wie deines würde vielen von uns gut tun. Allen vermutlich.
    Ich wünsche dir, dass du deine in La Gomera gemachten Erfahrungen in deinen Alltag in der Schweiz übersetzen kannst.
    Liebe Grüsse, Sofasophia (@_auchICH)

    5. Juli 2015

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