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Alltagsgefühle in der Ferne

Bislang verbachte ich immer nur zwei Wochen am Stück auf La Gomera. Jetzt liegen gut drei Wochen hinter und weitere fünf Monate vor mir. Ziemlich schnell verspürte ich einen Unterschied zu früher. Ich bewege mich anders, wohne anders, kaufe anders ein und esse so gut wie gar nie auswärts. Ganz automatisch komme ich dadurch mehr mit Einheimischen und Langzeitaufenthaltern in Kontakt als mit Touristen. Das alles verändert mein Bild und die Gefühle, die ich als Touristin für diese Insel gehegt habe.

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Winterstürme und knietiefe Schaumberge am Strand

Jeden Morgen, wenn ich für meine Shibashi-Morgenübungen zur Playa del Inglès gehe, sehe und höre ich das wilde Meer, den Horizont, die fischenden Vögel und die imposanten Felsen, die steil in den Himmel ragen. Und jeden Morgen bietet sich mir ein anderes, spektakuläres Bild. Mal türmen sich meterhohe Wellen und brechen lautstark in sich zusammen, ein andermal ist das Meer ein bisschen ruhiger, dann wieder schäumt es und der Wind wirbelt Wattebäusche durch die Luft, mal ist Flut, dann wieder Ebbe, mal hängen tiefe Wolken über dem Wasser, es nieselt und ein riesiger leuchtender Regenbogen spannt sich über das weite Meer … und … eines Morgens nach dem grossen Sturm ist ein Grossteil des schwarzen Sandes wie vom Erdboden verschluckt. Trotz all dieser Veränderungen bleibt etwas gleich: meine Ehrfurcht vor dieser wilden Schönheit.

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Arcos de iris – Regenbögen

Regenbogen

Ich konnte hier schon immer stundenlang Wellen beobachten und dem Donnern und Krachen lauschen, wenn sie sich mit voller Wucht an den Strand werfen. Doch dieses Mal ist etwas anders. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um das zu verstehen. Nun weiss ich, es ist die Gewissheit, dass ich diese Wellen und das ungestüme Meer ein halbes Jahr lang jeden Tag sehen darf. Kein Stress (ich könnte etwas verpassen), keine vorauseilende Wehmut (in zwei Wochen ist alles wieder vorbei), keine Trennung (hier Gomera, dort mein Zuhause). Ich bin nun für eine Weile hier zu Hause. Das Meer und die Wellen werden so Teil meines Alltags. Sie werden in gewisser Hinsicht zur Normalität.

Wellen

ohrenbetäubende Riesenwellen

Auch sonst stellten sich relativ bald Alltagsgefühle ein: beim Einkaufen, Kochen, Zimmer putzen, Sachen organisieren, Spanischkurs besuchen, lernen, Physiotherapietermine wahrnehmen etc. Die Menschen, denen ich bislang begegnet bin und die Grossteils hier arbeiten, verstärken diesen Eindruck noch zusätzlich.

Der Alltag hat es so an sich, dass er nicht nur aus Friede, Freude, Eierkuchen besteht. Kleinere und grössere Sorgen und Herausforderungen gehören dazu. Diese haben einen positiven Nebeneffekt: Es wird mir nicht langweilig, ich habe etwas zu tun und bin mit der Lösung irgendwelcher Probleme beschäftigt. Dadurch lerne ich zwangsläufig immer wieder neue Leute kennen und erhalte tiefere Einblicke in das Leben neben den Touristenpfaden.

Vögelspuren Sand

Vogelspuren im Sand

Ein Problem bereitet mir jedoch im Moment grösseres Kopfzerbrechen. Nachdem ich mich an meine winzige Puppenstube mit der perfiden Dachschräge gewöhnt habe, ist in die Puppenstube neben mir eine 21-jährige Venezulanerin eingezogen. Nun ist es aus mit Ruhe und Privatsphäre. Sie hört am liebsten laut Musik, singt inbrünstig mit, tanzt und stampft durch die Gegend wie eine übermütige Zehnjährige und bringt im wahrsten Sinne des Wortes Leben in die Bude. Das klingt an sich ganz nett und interessant, wenn unsere Minizellen genügend Rückzugsmöglichkeiten bieten würden. Tun sie aber nicht.

Schwemmholz

Schwemmholzdekoration vor meiner Haustüre

Dass wir von zwei völlig unterschiedlichen Planeten stammen, zeigt sich auch in der Dekoration unserer Puppenstubenhaustüren, die keine zwanzig Zentimeter auseinander liegen. Vor meiner stapeln sich Schwemmholz, bemalte Steine, Kräutertöpfe und ein Windspiel klingelt im Wind. Kati hat ihren Eingang mit weihnachtlichen Plastikfiguren und goldigen Maschen verziert. Dieser Anblick hat auch etwas amüsantes an sich. Nichtsdestotrotz bin ich nun auf der Suche nach einer neuen, geräumigeren Bleibe. Ich muss schon sehr viel Glück haben, um jetzt in der Hochsaison eine gute und zahlbare Alternative zu finden. Deshalb habe ich das Universum gebeten, seinen Einfluss geltend zu machen. Mal schauen, was es für mich an Land schwemmen wird…

Zu guter letzt hat vorgestern hat auch noch der Strom in meinem Kabäuschen den Geist aufgegeben – angeblich wegen der feuchten Regenluft. Meine Vermieterin Senora Blanca meint, das könne noch ein paar Tage andauern. Nun brennt eine notdürftige Lampe in meinem Zimmer, gespeist von einem langen Kabel aus Kati`s Zimmer nebenan. Keiner kann mir sagen, wann der Strom bei mir wieder fliesst und ich Warmwasser zum Duschen haben werde. So sieht momentan mein Alltag auf Gomera aus.

*** ende ***

Vueltas ich

Blick vom Hafen Richtung Vueltas

© Fotos und Text: Barbara Sorino

Anmerkung zu den Fotos: Aufgrund des Persönlichkeitsschutzes poste ich in meinen Blogs selten Fotos von anderen Personen. Ich bitte meine Leser/innen um Verständnis.

 

  1. Ich lese deine Zeilen gerne und freue mich über die Ruhe, die sie in mir verbreiten. Für deine neue Unterkunft wünsche ich dir Geduld und den richtigen Riecher. Und viel Glück auch, und dass das Universum dir das Beste zeigt.

    29. November 2014

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