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Spieglein, Spieglein…

Morgen wird meine neunte und zugleich letzte Woche im Chateau Fougerette eingeläutet. Die Tage werden kürzer und es wird spürbar kühler hier im Burgund. Die Blätter verfärben sich langsam und die Morgennebel ziehen über die Hügel, Wiesen und Gewässer.

P1020884 Morgennebel

Es ist an der Zeit, die ersten Wochen meiner Auszeit Revue passieren zu lassen und auch einmal einen Blick auf die weniger angenehmen Themen zu werfen. Es soll ja nicht der Eindruck entstehen, (m)eine Auszeit wäre ausschliesslich ein Schoggi-Leben in einer paradiesischen Umgebung.

Eigentlich haben mir das Schloss und die vielen Menschen, die hier ein und aus gehen, immer wieder einen Spiegel vorgehalten. An allen Ecken und Ende hängen oder stehen hier Spiegel – grössere, kleinere, blinde und angeschlagene. Ausserdem kommt man sich im Kontakt mit unterschiedlichsten Menschen und deren Eigenheiten unweigerlich selber ein Stück näher und stolpert über so manche eigene Macke.

Eine nicht ganz unbekannte Erkenntnis vorneweg: Egal, wo man hingeht und was man tut, der persönliche Rucksack ist immer dabei. In diesem Rucksack stecken Träume, Wünsche, Talente, aber auch Unzulänglichkeiten und lästiger, alter Schrott. Noch habe ich die Müllkippe nicht ausfindig gemacht, wo man diesen einfach(!) entsorgen könnte. Ich habe deshalb beschlossen, in die vielen Spiegel zu schauen und aufzuschreiben, was mir dabei entgegenkommt…

Im Ballsaal: „Der grössere Zusammenhang“

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Meine Ideenkiste, was ich alles während meiner Auszeit verändern könnte, war bei meiner Ankunft in Fougerette reichlich gefüllt. Sie ist es immer noch. Doch das einzige, was ich davon in den vergangenen zwei Monaten geschafft habe, ist die Erweiterung meines Bewusstseins für all die Kleinigkeiten, die mich an mir selber stören. Die eigene kleine Welt ist mir dabei ziemlich ans Herz gewachsen. Ich habe sie – so gut es ging – verteidigt, geschützt und gepflegt.

Es wäre wohl einfacher gewesen, wenn ich mich vertrauensvoll den vielen unerwarteten Dingen geöffnet hätte. Davon gibt es hier zu Hauf! Kein Tag ist wirklich planbar. Immerhin habe ich begriffen, dass alle Dinge und Gegebenheiten zusammen hängen und in einem grösseren Ganzen miteinander verbunden sind – meine kleine Welt mit der grossen Welt rund um mich herum. Ich kann dieses grosse Ganze nicht kontrollieren, auch wenn ich es wollte.

Erkenntnis Nr. 1:

So sehr ich das inflationäre Zauberwort „loslassen“ nicht mehr hören kann, so wahr und richtig ist es. Ich stehe am Anfang und bewege mich Millimeter für Millimeter Richtung Offenheit für diesen grösseren Zusammenhang hinter allem. Noch liegen kosmische Lichtjahre zwischen mir und dem Ur-Grund, wo alle Kontrolle unnötig ist und ich mich einfach getragen fühlen kann.

Lass zu
lass los.
Verlass Dich
überlass dich
dem Boden
der Mutter Erde,
die trägt
und
tiefer noch
dem letzten Grund.

Lass Dich
tragen.
Lass los.
Überlass Dich ganz.

Vertraue –
Du kannst
zu Grunde
gehen.

Der Grund
trägt.

Barbara Lehner

 

Auf der grossen Wendeltreppe: „Das Gesicht wahren“

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Wer möchte schon sein eigenes Gesicht verlieren? Jeder Mensch hat ein Recht auf Integrität und einen eigenen Willen. Ich hege seit einiger Zeit einen starken Wunsch danach, mich durchzusetzen und meinen eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden. Würde ich das nicht machen, käme das für mich einem Gesichtsverlust nahe.
Der Preis dafür wurde mir hier im Schloss Tag für Tag serviert: Man eckt dabei an und prallt unweigerlich auf die Bedürfnisse anderer. Das wiederum erfordert viel Energie, um eine stimmige Lösung für sich (und die anderen) zu finden. Manchmal endet es mit Kopfschmerzen und Ärger im Bauch.

Erkenntnis Nr. 2:

Ich möchte lernen, Spannungen und Ärger auf die Seite zu legen, erstmal tief durchzuatmen und darauf vertrauen, dass die Lösung kommt, wenn man sie in ihrem eigenen Tempo kommen lässt. Subjektiv erlebte Verzögerungen gehen nicht automatisch mit einem Gesichtsverlust einher!

 

Im Badezimmer Bellevue: „Es ist nicht alles Gold…“

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Auf der WC-Schüssel sitzend schaue ich in den Spiegel über dem Waschbecken schräg vor mir. Ich sehe, dass der Kaltwasserhahngriff fehlt. die WC-Papierrolle neben mir ist leer.

Ich erinnere mich an die vielen Stunden, die ich im Schloss verbracht habe, um Werkzeug zu suchen, um endlich mit der Arbeit beginnen zu können. Nicht nur einmal habe ich mich gewundert (und geärgert) über die Unsitte, dass Werkzeug nach getaner Arbeit nicht an ihren Ort zurück gestellt wird.

Immer wieder musste ich mir in Erinnerung rufen, was für ein Luxus es ist, überhaupt hier sein zu dürfen, mich in verschiedenen handwerklichen Disziplinen erproben zu können und ganz einfach am Leben zu sein! Kein Schloss glänzt bis in die letzte Ritze. In jedem Gebäude, an jedem Ort und in jeder Situation gibt es fehlende Haltegriffe, stumpfe Geräte und sonstige Unzulänglichkeiten.

Erkenntnis Nr.3:

Barbara, sei zufrieden mit dem was ist, und wie es ist! Betrachte in aller Ruhe, was du siehst, und überlege, wie du es in diesem Moment verbessern könntest. Unwichtigkeiten spühlst du am besten im nächstgelegenen WC runter. Wenn das so einfach wäre, wie es tönt, wäre ich wohl schon längst erleuchtet!

 

Im Zimmer Haiku: „Trage stets Sonne im Herzen“

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Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, dass ich die Sonne in meinem Herzen versteckt habe. Ich wollte mich wohl selber damit wärmen. Zugegeben, da ist ein Drang nach Egoismus in mir. Ich erinnere mich an eine Herzensfreundin, die mir in einer schwierigen Situation sagte, es brauche manchmal „Egoismus im Dienste des Selbst“. Sie hatte Recht. Es hat mir über eine heikle Situation hinweg geholfen. Doch…

Erkenntnis Nr.4:

Irgendwann ist es an der Zeit, die Sonne im eigenen Herzen wieder aus ihrem Versteck herauszuholen und sie grosszügig zu verschenken. Die Kunst liegt darin, den richtigen Zeitpunkt dafür nicht zu verpassen.

 

Im Zimmer Grain de Folie: „Blind für das Feine und Zarte“

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In diesem Zimmer habe ich nach dem Captain`s Rave eine Nacht verbracht, bis klar war, wo im Schloss ich die restliche Zeit schlafen werde. Es befindet sich im 2.Stock, wo es keine Elektrizität gibt, die Fenster undicht sind und die Wände teilweise einen ziemlich herunter gekommenen Eindruck vermitteln. Anfangs war ich geschockt (siehe Blog vom 6.8.2014). Mit der Zeit konnte ich von den offensichtlichen Schäden Abstand gewinnen und den Blick öffnen für die Schönheiten rund herum.

Erkenntnis Nr.5:

Urteile sind schnell gemacht, Vorurteile sind noch schneller zur Stelle. Es lohnt sich, diese zur Seite zu stellen und den Blick zu weiten. In allem noch so Scheusslichen gibt es etwas Schönes und Gutes zu entdecken. Hier im Schloss musste ich feststellen, dass meine inneren Augen manchmal blind sind wie ein alter Spiegel.

 

Vor dem Zimmer Ballade: „Wo gehobelt wird…“

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Ich bewundere Monika und Nicola für ihre Geduld und Toleranz den vielen Volontären und Gästen gegenüber, die in ihrem grossen Schloss aus und ein gehen. Klar, sie profitieren von deren Arbeitskraft und Enthusiasmus, mit dem sie ihre Vision vorwärts bringen. Doch es braucht gute Nerven, um mit den Spänen umzugehen, die bekanntlich überall fallen, wo gehobelt wird.

Erkenntnis Nr.6:

Mein Nervengerüst wäre im Moment zu schwach, um auf Dauer damit klar zu kommen, dass nicht alle Welt dieselben Arbeitsprinzipien in sich trägt. Damit möchte ich nicht sagen, dass meine Haltung die Bessere wäre! In den zehn Tagen, in denen ich Monika und Nicola vertreten und die Schlosscrew geführt habe, ist mir jedoch klar geworden, welch enorme Toleranz gegenüber andersartigen Arbeitsrhythmen und Sichtweisen nötig sind.

Mir ist wohler in der Rolle einer einfachen Arbeiterbiene, die ihre Arbeit verrichtet und sich nicht so sehr um all die anderen Baustellen kümmern muss.

 

Im Spielzimmer: „Vorfreude aufs Alleinsein“

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Das Spielzimmer im Chateau Fougerette befindet sich im westseitigen Flügel im ersten Stock. Hier hat die Phantasie Platz. Ich sitze auf einem grossen Plüschpferd auf dem Boden und lasse mich vom Mobile vor dem Spiegel inspirieren. Je länger ich darauf starre, umso bewusster wird mir, wie sehr ich mich nach dem Alleinsein sehne.

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Erkenntnis Nr.7:

Es ist nun an der Zeit mich zurückzuziehen. Ich habe es hier genossen, viele Menschen zu treffen und neue Freundschaften zu schliessen. Doch nun brauche ich eine Kontaktpause. La Gomera, mein nächstes Ziel, wird mir den Raum dafür bieten.

Es braucht Phasen im Leben, wo wir uns einigeln und unsere Seele überwintern können. Das Tröstliche dabei ist, zu wissen, dass nach dem Winter auch immer wieder der Frühling kommt, wo Neues zu spriessen beginnt und sich die Seele wieder wie ein Blatt oder eine Blüte entfalten möchte. Das ist der natürliche Lauf der Natur, von der wir alle ein Teil sind.

Du strömendes Du
Wie Tau auf den Gräsern
liegst Du auf meinen Gedanken.
Wie ein Morgen breitest Du Dich aus
über meine Tiefen.
Wie ein Abend hüllst du uns ein
in Dein Schweigen.
Die bleibendes Antlitz
hinter unseren flüchtigen Blicken,
Du strömendes Du hinter meiner Maske.
Du Ozean in den Augen der Guten,
Du Friede in den Händen der Liebenden,
Du reiches, fliessendes,
unaufhaltsames, unerschöpfliches DU!
Du helles, Du dunkles Du!
Du überdachst mich mit dem Zelt
Deines Alls.
Du birgst mich,
Du erziehst mich zur Weite,
indem du mich aus dem Paradies vertreibst.
Du hast mich aus dem Nest geworfen.
Einen unruhigen Geist hast Du
in meinen Lehm gehaucht.
Du lässt mich nicht ruhen.
Wie Abraham
drängst Du mich aus Ur in Chaldäa.
Jahrzehnte werden vergehen,
bis Licht und Dunkel geeint sind in mir,
wie sie eins sind in Dir.

Martin Gutl bringt es mit diesem Gedicht ziemlich gut auf den Punkt, an welchem Punkt ich nun stehe. Ich vermag zwar das Strömen zu spüren, das ewige Etwas, das alles zusammenhält. Am intensivsten erlebe ich dieses Gefühl der Verbundenheit beim morgendlichen Shibashi unter der alten Eiche am Weiher. Der Gedanke daran treibt mir Tränen der Rührung in die Augen. Doch gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich noch ein weites Stück davon entfernt bin, dieses Einssein komplett verinnerlicht zu haben und mein Leben entsprechend auszurichten. Der Weg dahin liegt vor mir. Ich verspüre Respekt, Vorfreude und das Bewusstsein, dass es nicht nur einfach werden wird!

Dieser Spiegel liefert…

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Erkenntnis Nr.8:

Auch wenn sich die Distanz zwischen mir und einer tief verankerten Verbundenheit mit allem, was dieser Planet und das Universum zu bieten haben, wie Lichtjahre anfühlt, so sollte ich mir selber gegenüber Gnade walten lassen. Es lässt sich nicht erzwingen!

Bis sich das Leben annähernd rund anfühlt (die Erde ist ja auch nicht 100% rund!), müssen wir unterschiedlichste Wege unter die Füsse nehmen:

verschlungene
verwunschene
verwilderte
verbotene
verrückte
verdrehte
rutschige
abschüssige
gefährliche
unendliche
teure
verkehrsreiche
einsame

Sackgassen
Einbahnstrassen
Umwege
Irrwege
Holzwege
Naturwege
Hindernisparcours

…und viele andere mehr

Ich wünsche uns allen eine gute Lebensreise. Möge sie gelingen!

 

*** ende ***

© Text und Fotos: Barbara Sorino

Die beiden Gedichte habe ich dem Buch „Shibashi – Ruhe und Achtsamkeit erfahren“ von Antoinette Brem und Barbara Lehner entnommen.

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