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Ein Rendevouz mit Bäumen

Die Zeit verging wie im Flug. Ich bin seit einem Monat im Schloss Fougerette und entdecke im weitläufigen Areal immer wieder unbekannte Winkel und Dinge. Heute ist Samstag und wir arbeiten nicht. Das Wetter ist wunderschön. Es weht eine lauer Septemberwind. Der Sommer ist zurück. Die Grillen zirpen. Hin und wieder springt ein Karpfen aus dem Weiher. Man könnte meinen, er mache Freudensprünge.

Ein idealer Tag, um die alten Bäume auf dem 20 Hektar grossen Schlossareal aufzusuchen und ein Schwätzchen mit ihnen zu halten. Ausgestattet mit Stiefeln, weil das Gelände teilweise mit Brennesseln und Brombeeren zugewachsen ist, mit Laptop und Fotoapparat mache ich mich auf den Weg zu ihnen. Zu ihren Füssen höre ich, was sie mir zu sagen haben…

Die alte Eiche am Weiher

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Unter ihrem dichten Blätterdach mache ich frühmorgens meine Shibashi-Übungen, sauge die Natur ein und lausche den Geräuschen. Käuzchen, Fische, Wasserratten, ein Eichhörnchen, Wespen, allerlei Vögel, Schnecken mit oder ohne Häuschen, Enten auf der Suche nach ihrem Frühstück, sie alle geniessen hier beneidenswerte Bewegungsfreiheit.

Die harte, mit tiefen Furchen durchzogene Rinde der Eiche massiert meinen Rücken. Das erinnert mich an kräftige, schwielige und doch zarte Hände. Ein angenehmes Gefühl. Es teilt mir mit, dass es gut ist, schöne Gefühle – egal welcher Art und wodurch sie ausgelöst werden – einzusaugen und sich an ihnen zu erfreuen. Ausserdem schenkt mir dieser Baum jeden Morgen während dem Shibashi ein Gefühl der Geborgenheit, das mich durch den Tag begleitet. Unbezahlbar.

Zwei Rotbuchen auf freiem Feld

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An diesen beiden imposanten Bäumen bin ich etliche Male vorbei gegangen. Sie stehen rechterhand, wenn man sich dem Schloss auf dem hinteren Weg nähert. Eine der beiden Buchen ist schmaler und ist wohl ein Abkömmling der älteren, dickeren Buche.

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Während ich auf einem moosigen Wurzelarm der älteren Buche sitze und in den Himmel schaue, bin ich einmal mehr darüber erstaunt, wie es Bäume schaffen, zusammen eine perfekte Krone zu bilden. Sie scheinen sich abzusprechen, wie sie sich in der Mitte Platz lassen und trotzdem ineinander wachsen können, ohne sich dabei gegenseitig die Luft zum Atmen zu nehmen. Ein gutes Vorbild – in jeder Beziehung.

Ein Exot – der Mammutbaum

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Ebenfalls auf dem freien Feld unterhalb des Schlosses, neben den Bienenhäuschen des Nachbarn, ragt ein mächtiger Baum aus dem Brombeergestrüpp. Er passt auf den ersten Blick irgendwie nicht ins Bild. Andererseits aber peppt er die Szenerie mit seiner sichtbar exotischen Herkunft auf und zieht notgedrungen die Blicke des Betrachters auf sich.

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Ich kämpfe mich bis zum Stamm durch und staune über seinen Umfang und seine tausend Arme, von den sich die untersten in den Boden zu bohren scheinen. Der Koloss flüstert mir zu, dass es durchaus reizvoll sein kann, sein liebes Leben lang an ein und demselben Ort Wurzeln zu schlagen und seinen Kopf in den Himmel zu strecken. Zugegeben, ein höchst interessanter Gedanke, der wahrscheinlich noch Lichtjahre braucht, bis er meine neugierige Seele überzeugt, es ihm gleich zu tun.

Der afrikanische Baum

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Als ich das erste Mal den dschungelartigen Weg zum unteren Weiher gefunden hatte, kam ich an dieser frisch verwundeten Eiche vorbei. Dort, wo der dicke, abgebrochene Ast bis vor kurzem lag, sitze ich nun auf einem übrig gebliebenen Rindenstück in der prallen Sonne. Aufgrund des fehlenden Astes sieht der Baum von Weitem aus wie ein afrikanischer Baum. Die Nachmittagshitze gibt mir zusätzlich das Gefühl, statt im Burgund in der afrikanischen Savanne zu sein.

Schon beim ersten Anblick hat sich die Botschaft dieses Baumes tief in mein Herz gegraben: auch wenn dir physisch oder psychisch ein Stück deiner Selbst weggerissen wird, findest du einen Weg weiterzuleben. Vielleicht ändert sich dein Erscheinungsbild sichtbar oder du bist gezwungen, dein Weltbild zurechtzurücken, aber der Lebensfluss findet einen Weg – immer! Wie recht er doch hat…

Eine lebendige Tote

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Am unteren Weiher, mit Blick auf ein kleines Inselchen, steht ein toter Baum mit den Wurzeln im Wasser. An dieser Stelle tummeln sich abends gerne Wasserratten. Da mir botanisches Detailwissen fehlt, weiss ich nicht, was es einmal für ein Baum war.

Jedes Mal, wenn ich hier vorbei spaziere, vermittelt mir dieser Baum den Eindruck von Vitalität und Lebensfreude. Ich höre ihn singen – das Lied vom ewigen Kreislauf der Natur. Der Refrain lautet: „Auch wenn ich äusserlich tot bin, lebe ich weiter und bin Teil des grossen Ganzen…“

Die stolze Platane

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Gut versteckt hinter dichten Thujabäumen steht eine hoch in den Himmel ragende Platane mit einem üppigen Blätterdach. Gefühlte hundert Mal bin ich an ihr vorbei gelaufen, ohne sie wahrzunehmen. Ich musste mich nämlich auf den vollbeladenen Veloanhänger konzentrieren, mit dem ich Brennesseln und gemähtes Gras zum Grünmüllplatz hinterm Schloss gekarrt hatte.

Am Wesen dieses stolzen Baumes erkenne ich, dass Natürlichkeit der sicherste Weg zu Schönheit und Stärke ist. Es braucht kein Prinzessinnenkleid* und keine roten Schuhe*, um dem Rest der Welt zu gefallen. Sei du selbst und die Welt wird dich dafür lieben! Positiver Nebeneffekt: man gewinnt Zeit, wenn man nicht Stunden verbraten muss für sinnloses Fassadengepinsel.

(*Doch hin und wieder macht es durchaus Spass, sich in schöne Tücher zu hüllen und seine Umwelt zu überraschen. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.)

Die Biegsamen: Weiden

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Hinterm Schloss neben dem phantasievollen Sandkasten für die kleinen Schlossgeister wurden Weiden gesetzt. Nun wachsen dort ein Königsthron, eine Bank und ein Zelt heran.

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Auf einem Baumstrunk unterm Weidendach sitzend, sinniere ich über den Sinn und Unsinn von Biegsamkeit nach. Beim Anblick dieser jungen Weiden komme ich zu dem Schluss, dass Flexibilität solange Sinn macht, als man dabei noch die Möglichkeit hat, zu wachsen und dabei seine Sinne frei hat für das Spiel der Wolken und den Gesang der Vögel.

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Ums Chateau Fougerette wachsen noch viele andere Bäume, jüngere und ältere, grosse und kleine. Sie alle lassen das Schloss zu einer grünen Oase werden. Ein Ort der Ruhe und des steten Wachsens im Rhythmus der Natur. Wunderschön und faszinierend.

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Ein sechshundertjähriger Baum – vermutlich eine Eiche – in den letzten Atemzügen. Sein Anblick erfüllt mich mit Ehrfurcht. Er steht im Waldstück zwischen den beiden Karpfenweihern, dort wo sich angeblich Wildschweine aufhalten. Man sieht diesem Baum an, dass er aus seinem langen Leben viele Geschichten zu erzählen hätte. Doch das ist eine andere Geschichte…

*** ende ***

© Text und Fotos: Barbara Sorino

  1. Ganz schön geschrieben! Liäbä Gruäss

    9. September 2014

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