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Amuse Bouche mit Meeresbrise

Wir brauchen Pausen vom Alltag. Kürzere und längere. Ich begann mit einer kürzeren vor der längeren. Aber erst mal der Reihe nach…

Sonntag 13.7.2014, 4:45 Uhr. Der Wecker spielte pünktlich Harfe. Das wäre nicht nötig gewesen, denn ich sass schon seit Stunden senkrecht im Bett. Mein Magen brannte. Die ausgelassene Abschiedsparty am Vorabend hatte meinem ohnehin seit Wochen gestressten Magen nicht gut getan.

Sieben Stunden später stieg ich aus einer Dash8 der Croatian Airline und hielt meine Nase in die regnerische Luft am winzig kleinen Zadarer Airport.

30 ein ungewöhnlich nasser Sommer

Der Bus brachte mich in die Altstadt, wo ich mich zur gut versteckten Unterkunft „Appartements Andrea“ durchfragte. Mein Magen war immer noch „on fire“, trotz Protonenpumpenhemmer und Magengel. Welch glücklicher Zufall, dass die Vermieterin Nada Besednik eine praktizierende Hausärztin ist!

Zwei Tage später brannte nicht nur mein Magen sondern auch die Sonne wieder vom Himmel. Nada und ich waren inzwischen beste Freunde und amüsierten uns köstlich. Diese Unterkunft erwies sich als Glücksgriff: ruhig, mitten im Zentrum und zuvorkommende Gastgeber, dir mir Wünsche von den Lippen lasen, welche mir gar nicht bewusst waren.

P1000965 Nada, Schime und Tochter Andrea

Kroatisches Gesundheitssystem

Durch Nada erhielt ich interessante Einblicke in das kroatische Gesundheitssystem. Es ist nicht schlecht, aber auch nicht top. Es gibt nur eine Krankenkasse, die HSSO (Hrvatski zavod za zdravstveno osiguranje). Diese gewährleistet die Grundversorgung. Das Problem ist, dass nicht alle eine Prämie einzahlen, da viele hier schwarz arbeiten und keine Krankenversicherung zahlen, was die Regierung angeblich toleriert.
P1000850 Arbeit macht hungrig

Nada arbeitet von 7:00 bis 13:30 mit einer 30-minütigen Pause. Einmal die Woche muss sie nachmittags arbeiten – eine Vorgabe des Gesundheitsministeriums. In dieser Zeit behandelt sie im Durchschnitt 100 Personen. Bisherige Rekordzahl ist 127! Sie selber spricht deshalb von Massenabfertigung. Als private Ärztin könnte sie anders arbeiten, aber das möchte sie nicht. Gemäss Schime ist Nada die beliebteste von drei praktizierenden Hausärzten hier in Zadar. Wahrscheinlich hängt dies mit ihrer sonnigen Ausstrahlung und mit einer eigenen Krebserkrankung zusammen, die sie vor circa drei Jahren nur knapp überlebt hat.

Es stimmt mich nachdenklich, als mir Nada erzählt, dass es hier und im Raum Dubrovnik in letzter Zeit gehäuft Krebserkrankungen zu verzeichnen gibt, insbesondere Lungen- und Darmkrebs. Sie vermutet einen Zusammenhang mit den Bombardierungen während des Krieges vor 20 Jahren, als v.a. diese beiden Städte von Angriffen betroffen waren. In zehn Tagen muss Nada durchschnittlich sieben Patienten eine Krebsdiagnose mitteilen. Das sind eindeutig zu viele, um es als „normal“ bezeichnen zu können.

P1000847 der Stadtpark, eine grüne Oase

Zadar

Zadar ist eine Stadt mit einer bewegten Geschichte, die in der illyrischen Zeit ihren Anfang nahm. Später kamen die Römer, nach deren Niedergang die Byzantinier, dann fränkische Herrscher, Seeräuber und die Venezianer. Erst 1069 kam Zadar unter König Petar Kresimir IV zu Kroatien. Später wechselten sich nochmals verschiedene Herrscher ab, die Venezianer, ungarisch-kroatische Könige, Österreich (1797, sowie 1913-1918) und Frankreich (1805). Nach dem 1.Weltkrieg übernahmen die Italiener das Zepter.

22 Blick vom Glockenturm

Im 16.Jahrhundert versuchten die Osmanen, die Stadt einzunehmen. Das führte dazu, dass Zadar von den Venezianern in eine Festung umgebaut wurde. Von all diesen Epochen findet man heute noch Zeugnisse in dieser Stadt in Form von Gebäuden, Museen und Ausgrabungsstätten. Allerdings wurde insbesondere im 2.Weltkrieg vieles zerstört.

P1000813

P1000921 Museum of ancient glass

Seit 1991 ist Zadar Teil der unabhängigen Republik Kroatien. Mit über 75.000 Einwohnern ist Zadar keine kleine Stadt. 2003 wurde hier eine Universität gegründet, in einem schönen alten Gebäude mit Blick aufs Meer und die vorgelagerten Inseln. Zadar liegt ungefähr in der Mitte der dalmatinischen Küste. Von hier aus kann man Ausflüge zu den wunderbaren Nationalparks im Hinterland unternehmen: Krka NP, Plitvicer Seen und Paclavica NP.

P1000809

11  Sonnenuntergang in Zadar

Wenn es einen mehr aufs Meer hinauszieht, kann man sich eine jedrilica (Segelboot) schnappen und damit durch die wunderbare kroatische Inselwelt schippern. Und genau das habe ich in der zweiten Woche meiner Ferien hier gemacht. Doch am Tag vor dem Ablegen musste ich mich noch um meinen brennenden Bauch kümmern.

freaky sightseeing

Manchmal bedarf es eines unangenehmen Erlebnisses, um die Unberechenbarkeit und Fragilität des Glücks zu erkennen!

Es gibt wahrlich stimmungsvollere Orte in den Ferien, als die Praxis eines Gastrologen. Und es gibt berauschendere Behandlungen, als eine Magen- und Darmspiegelung OHNE Narkose. Beides habe ich über mich ergehen lassen, weil dieses Brennen im Magen einfach nicht enden wollte. Meine Vermieterin organisierte mir einen Termin bei einem anerkannten Gastrologen in Zadar.

In seiner Praxis fühlte ich mich um Jahrzehnte zurückversetzt. Der Begriff „rustikal“ trifft es ziemlich auf den Punkt, sowohl was die Einrichtung betrifft als auch der Umgang. Am Anfang war mir zum Schmunzeln zumute, als ich die beiden belebten Schwalbennester über der Eingangstüre im Hausflur sah – inklusive Vogeldreck auf der Treppe. Der Warteraum sah noch ziemlich gediegen aus. Aber als ich mich auf den Schragen legen sollte, und ich die Schleimspuren des Vorgängers auf der Oberfläche sah, verging mir das Lachen. Die Praxisassistentin hatte es vergessen(!) wegzuwischen und zu desinfizieren. Sie meinte nur „sie hätten soviel zu tun, dies hier wäre eine Irrenanstalt“. Nun ja, viele Patienten sah ich in den vier Stunden, die ich dort war, nicht. Es waren genau genommen 4 oder 5 und es gab zwei Praxisassistentinnen. Aber als ich sah, wie eine der beiden am PC vor den Patienten die Stangenbohnen fürs Mittagessen abspitzelte, war mir klar, warum hier Zeitmangel herrscht.

Einzelheiten zum Untersuch erspare ich meinen Lesern. Nur soviel: es war grauenhaft und schmerzhaft. Und wenn ich aufmuckte, fluchte der Arzt von wegen „sensible Weiber“ und so. Aber, wer je eine Magenspiegelung ohne Narkose hatte, weiss, dass das kein Honiglecken ist, zumal dieser Arzt vorging, als ob er nach Öl bohren würde.

Egal. Am Ende zählte das Ergebnis: ich war angeblich pumperlgesund, abgesehen von einem Reizmagen. Der Arzt meint, ich könne getrost aufs Meer raus und das Kommando übernehmen.

P1010482

Von Wind und Wellen

Der Segeltörn mit meiner Familie und einem erfahrenden Skipper aus Wien hat uns alle in seinen Bann gezogen. Wir harmonierten perfekt und genossen das Spiel der Wellen und Segel, die dalmatinische Inselwelt, idyllische Buchten, Regen und Sonne, sauberes Wasser und gutes Essen. Humor hatten wir massenhaft mit an Bord und nach jedem noch so kleinen Manöver gab es einen Pelinkovac (Kräuterschnaps).

Da Bilder manchmal mehr als Worte sagen, lasse ich diese nun für sich sprechen…

P1000984 im Hafen Marina Dalmacija, Sukosan

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P1010595 Til, unser Skipper

P1010398

P1010486 

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P1010450

P1010411 U-Boot-Bunker

P1010429 1963 gesunkenes Frachtschiff

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P1010558 mein Bruder, der Schiffsbäcker

Ein stimmiges Amuse Bouche

Die zwei Wochen in Kroatien waren ein idealer Einstieg in meine einjährige Auszeit. Der Wind und die Wellen haben meinen Kopf durchgelüftet und die Sonne hat mich braun gebrannt. Am 2.8. werde ich nun mit dem Zug nach Dijon reisen und von dort weiter zum Schloss Fou de Fougerette im Burgund. In den nächsten Bloggeschichten werde ich dann vom Schlossleben berichten. Das Abenteuer kann also beginnen…

 *** ende ***

© Text und Fotos: Barbara Sorino

Links:

Appartement Andrea in Zadar: http://www.booking.com/hotel/hr/apartmani-andrea-zadar.de.html?aid=356992;label=gog235jc-city_apartments-de-hr-zadar-unspec-ch-com-L%3Ade–V%3A0CDAQFjAAO%3Aunk-B%3Aunk-N%3AXX-S%3Abo;sid=102f43281c5bc1f204f9c2715563b8f9;dcid=4

>> Tipp: Das blaue Zimmer hat die schönste Aussicht und einen Balkon.

 

  1. Natalie A. #

    . wieder mal ein toller Bericht. Freut mich das deine Auszeit mehr oder weniger gut begonnen hat :-). Da ich des öftern auch an einem eigenen Blog rumstudiere und sehen wollte was du gerade so machst bin ich hier gelandet. Mein erste Segelerfahrung steht auch bald an und dabei hoffe ich auf einen stabilen Magen ;-), ich beginne mal mit dem Bodensee :).

    Wünsche dir weiterhin eine tolle AUS zeit!

    Gruss aus der regnerischen CH
    Natalie A.

    30. Juli 2014
  2. Anonymous #

    Ahey…..freut mich, dass es geklappt hat, nachdem Du ja erst gesundheitlich skeptisch geklungen hast….. tolles Bild von Zadar 😎 ….Live natürlich bestimmt viiiiiiel cooler ☺️

    31. Juli 2014

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