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Loslassen

Eine längere Auszeit ist DIE Gelegenheit, um im Vorfeld Ballast über Bord zu schmeissen.

Man könnte es aber auch so sehen: im Vorfeld einer längeren Auszeit oder Reise ist man fast gezwungen, das angesammelte Leben einer Entschlackungskur zu unterziehen. Das ist denn auch meine Hauptbeschäftigung in den letzten Monaten. Bald werden die Zügelmänner mein geschrumpftes Hab und Gut abholen, um es für ein Jahr einzulagern. Weil ich nicht unnötig viel dafür bezahlen möchte und weil ich nach der Auszeit mein künftiges Leben nicht mit altem Ballast beginnen möchte, räume ich in verschiedenen Lebensbereichen auf:

Drei Vasen in verschiedenen Grössen genügen.

Ich kann nicht in zwei Betten gleichzeitig schlafen. Also muss eines weg.

Sind 40 Paar Schuhe wirklich notwendig, um zu überleben? Nein.

Mal ganz ehrlich: werde ich alle diese Bücher jemals wieder lesen? Wohl kaum.

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Ich könnte diese Liste beliebig fortsetzen, auch mit Aspekten, die man nicht einfach verkaufen, wegschmeissen oder verschenken kann:

Ängste im Zusammenhang mit der Kündigung des Jobs und der Wohnung.

Glaubenssätze, die einem weiss machen wollen, dass man so eine Auszeit nicht überlebt (als ob es sich um eine Eiszeit handelt!).

Emotionale Verbundenheit mit Dingen, die man vor Urzeiten mal gesammelt hat, und denen gegenüber man mit einem schlechten Gewissen kämpft, weil man sich endgültig von ihnen trennen möchte.

Bedenken, dass einem im kommenden Jahr all die tollen Freunde abhanden kommen und man dann mausbeinalleine dastehen wird.

P1000027 Trennung von meinem MTB

Neben all diesen schwierig anmutenden Aspekten rundum das Ausmisten und Loslassen gibt es auch positive Nebeneffekte, die mich antreiben:

Mit jedem Kilogramm weniger, das ich durch mein Leben schleppen muss, wird mir leichter ums Herz.

Ich freue mich auf die Zeit nach der Auszeit, wenn ich mein künftiges Leben mit neuen Dingen und Themen füllen kann.

Wenn sich beim Garage Sale jemand über das Gekaufte freut, dann freut es auch mich. Ich weiss meinen lieb gewonnenen Schrank oder den lustigen Hut in guten Händen.

Plötzlich muss man weniger Entscheidungen treffen, weil nur 15 anstatt 50 T-Shirts im Schrank liegen.

Der Terminkalender weist endlich wieder Löcher auf – Platzhalter für das süsse Nichtstun.

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P1000032 Eine neue Hutträgerin

Dass ich mit all diesen Gedanken rund ums Loslassen nicht alleine dastehe, zeigte sich deutlich, als ich auf eine Twitterumfrage folgende Antworten erhielt:

„Kontrolle abgeben in Bereichen, die ich nicht beeinflussen kann. Sein Ich festhalten.“

„Raum für Neues“

„Angst“

„Das ganze Leben dreht sich ums Loslassen von Vergangenem: Ereignisse, Menschen, Lebensabschnitte, Glaubenssätze…“

„`Stirb und werde‘ bis zum letzten grossen Loslassen, mit dem letzten Atemzug.“

„Schwerelosigkeit“

„Im Jetzt leben, hinschauen … dann loslassen.“

„Die Kinder loslassen, vom Moment der Geburt an immer mehr.“

„Leichtigkeit!“

„Ballast weg!“

„Loslassen und erfassen“

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Aus dieser Liste spricht mich insbesondere der Gedanke des lebenslangen Loslassens an. So sollte es eigentlich sein. Wenn man immer mal wieder sein Leben „ausmistet“ und loslässt, was man ohnehin nicht halten kann, dann erfüllen sich auch die anderen Aspekte: Man schafft laufend Platz für Neues, sowohl räumlich als auch emotional. Man holt Leichtigkeit ins Leben und gönnt sich Momente der Schwerelosigkeit. Man gibt neuen Lebensabschnitten eine Chance.

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Garage Sale

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Der Haken liegt im Wörtchen „lebenslang“. Meistens kostet uns das Loslassen grosse Überwindung und wir tun es erst, wenn wir dazu genötigt werden. Wer loslässt und sich von „Altem“ gebührend verabschiedet, benötigt dafür in der Regel Energie in irgendeiner Form, sei es körperlich (einen Schrank zur Entsorgungsstelle bringen) oder emotional (soll ich dieses Erbstück wirklich weggeben?). Menschen tendieren dazu, unnötigen Energieverschleiss zu verhindern. Also zögern wir auch das Loslassen hinaus. Bis es anklopft und einen vor die Wahl stellt: soll ich 20 anstatt 100 Kisten Hausrat einlagern? Soll ich Möbelstücke, auf denen noch mein Ex-Partner gesessen hat, nicht besser weggeben und später emotional unbesetzte neue Möbel kaufen? Soll ich den Job kündigen und die Lebenssegel den neuen Windverhältnissen anpassen?

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Zugegeben, meine Ausmistaktion ist etwas gar radikal. Aber sie passt zu meinem Naturell: wenn dann richtig. Sollte nun plötzlich jemand Lust dazu haben, auch den einen oder anderen Raum oder Lebensinhalt auszuräumen, dann kann ich das nur unterstützen! Es ist eine gute Übung im Hinblick auf den Moment am Ende unseres Lebens, wenn wir ohnehin alles hinter uns lassen müssen.

In diesem Sinne, fröhliches Aufräumen und Platzschaffen!

*** ende ***

© Fotos und Text: Barbara Sorino

Literaturtipp:

Webseite und Bücher von Karen Kingston: http://www.spaceclearing.com/html/home

 

 

  1. juergwyss #

    Toll geschrieben.

    20. Juni 2014

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